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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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OSTrBfe STT ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR MODERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von DAVIS TRIETSCH und LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 9 September 1902 II. Jahrg. DIE JUEDISCHE RENAISSANCE-BEWEGUNG. Von Mathias Ach er (Wien). In dem Artikel „Einige Gedanken über den Antisemitismus", den ich in der vorigen Nummer von „Ost und West" veröffentlichte, erwähnteich auch die „Jüdische Renaissance-Bewegung". Ich halte mich nun für verpflichtet, ausführlicher zu erklären, welchen Sinn ich mit diesem Worte verbinde. Dadurch, dass ich es für „Zionismus" setzte, könnte die Meinung entstehen, ich hätte in ihm ein neues Wort für das Ideal einer zionistischen Partei prägen wollen. Dem ist aber nicht so. Vielmehr wollte ich es bloss der Uebung der intellektuellen Zionisten entgegensetzen, die unter Zionismus nicht bloss die Partei, sondern auch die grosse geistige Bewegung verstehen, welche hinter der Partei steht. Für diese Bewegung aber ist mir das Wort „Zionismus" zumindest zu schwach und zu eng. Und deshalb greifeich zu dem Ausdrucke „jüdische Renaissance- Bewegung", den ich übrigens auch von den intellektuellen Zionisten habe, die ihn hie und da gebrauchen. Ich habe ihn nicht geprägt. Wollte Gott, ich wäre an der seinerzeitigen Einführung des Wortes „Zionismus" so unschuldig, wie ich jetzt an dem Ausdrucke „Jüdische Renaissance-Bewegung" bin! Jedenfalls aber acceptiere ich ihn und weiss auszusagen, was ich darunter verstehe. Renaissance, gleich Wiedergeburt, ist ein mystisches Wort, das ja auch in den verschiedenen religiösen Systemen eine grosse Rolle spielt. In dem engeren Sinne als Renaissance des klassischen Altertums bekam es einen vollen weltgeschichtlichen Klang, enthüllte aber gerade in dieser Anwendung seinen inneren Widerspruch. Denn jetzt weiss man schon lange — auch ohne Houston Stewart Chamberlain —, dass die Renaissance keine Wiedergeburt war, dass es überhaupt keine Wiedergeburt giebt, ebensowenig in der Natur, als in der Geschichte, die ja nur ein Stück Natur ist. Was tot ist, kann nicht und was noch lebt, braucht nicht wiedergeboren zu werden. Die naturwissenschaftliche Auffassung der Dinge führt die Idee einer Wiedergeburt ad absurdum. Und dennoch hat sich das Wort „Wiedergeburt" erhalten und wird auf immer neue Gebiete angewendet. Denn eine grosse poetische Kraft geht von ihm aus, eine Kraft, die nicht in lebenslosen Romantizismus umschlägt, weil sie nicht verklungenen, sondern eben erst erklingenden Idealen dient. Der Mensch der neuen Zeit nimmt das Wort längst nicht mehr wörtlich, buchstäblich. Und soweit er es so zu nehmen schien oder scheint, that oder thut er es nur in Verkennung der eigenen Empfindungen und Wünsche. Was ihn drängt, ist ja gar nicht der Trieb, irgendwo anzuknüpfen an die Thatsachen des grauen Altertums oder des blauen Mittelalters, sondern nur wTieder so glücklich, so lebenstrotzend, so reich zu werden, wie er damals war oder glaubt

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