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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 567 - 568

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Ein Fasttag
Date
1902-08-01
Page
Seite 567 - 568 (sequence 2)
Language
German
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567 I. L. Perez: Ein Fasttag. 568 süssen Würmer/' und ein Thränenstrahl entquillt ihrem Auge. „Was weinst Du, Närrin?44 „Ach Mendel, was wird aus uns werden? Die Kinder sind so hungrig. ... Es geht immer schlimmer. ..." Sie kann nicht weiter, denn die Stimme versagte ihr. „Was sagst Du nun, Sarah? Schlimmer ist's ja, Gottlob, nicht. Im vorigen Jahre hatten wir doch zuweilen keinen Bissen Brot zu Haus. . . . Zwar das ist heute auch der Fall .... doch haben wir wenigstens eine Wohnung, damals mussten die Kinder ganze Tage in der Strasse zubringen und nachts unterm freien Himmel schlafen." Der Schmerz übermannte Sarah bei dieser Erinnerung. Sie gedachte ihres jüngsten Kindes, das wie ein Hund auf der Strasse gestorben ist; es hatte sich während der rauhen Nächte erkältet, wurde heiser und .... entschlief. Sie konnten dem kranken Kinde weder Medizin verschaffen noch die sonstigen Heilmittel anwenden, wie z. B. für das Kind beten lassen, den Friedhof durchmessen, das böse Auge wegzaubern. . . . Nichts haben sie thun können und das arme Engelchen ist wie ein Licht verlöscht. .... „Weine nicht, Sarah, Gott wird schon helfen", tröstet sie der Mann. „Ach, es wäre schon Zeit, dass er sich über uns erbarmen soll!" „Aber auch Du selbst sollst Erbarmen mit Dir haben, Sarah. Schau dich nur an, wie Du aussiehst. Es sind ja kaum 10 Jahre nach unserer Hochzeit, und wie abgezehrt und blass Du bist. Du warst ja das schönste Mädchen in der Stadt." „Und Du? Wie gebeugt und kränklich Du bist, obzwar Du es mir nicht sagen willst; ich sehe es aber deutlich Deinem Gesichte an. Und sie nannten Dich doch „den Helden" Vorjahren. Ach barxnherziger Himmel!" schreit es von ihrem schmerzdurchwühltem Herzen. „Essen! Wir wollen . essen!" rufen die Kinder erwachend. „Was? Essen?" sagt der Vater mit verstellter Entrüstung, „wer isst denn heut?"--Die Kinder sehen ihn angstvoll an. „Heute ist Fasttag", fügt Mendel finster hinzu. „Warum Fasttag? Welcher-Fasttag", fragen die Kinder weinend. Nun erzählt ihnen der Vater, dass heute beim Morgengebet die „Thora" heruntergefallen wäre, infolgedessen „alle Welt", sogar die kleinsten Kinder zur Busse fasten müssten. Es ist eben so wie Jörn Kipur und Tischo-beab, und fängt schon heute Abend an. Wie verrückt springen die Kleinen aus dem Bett und tanzen im Zimmer herum. „Wir fasten! Wir fasten!" rufen sie jubelnd. Der unglückliche Vater stellt sich vor das Licht, damit die Kinder die weinende Mutter nicht gewahr werden. „Genug, Kinderchen, genug getanzt! Am Simchas Thora werdet Ihr mit Gottes Hilfe, fröhlich tanzen. Aber am Fasstag dürft Ihr's nicht, Kinder." Beruhigt begaben sich die Kleinen auf ihr Lager zurück und gedachten ihres Hungers nicht mehr. Das jüngste unter ihnen, ein kleines Mädchen, begann sogar ein Lied: „Auf dem hohen Berge" zu singen. Ein Zittern durchflog Mendels Körper. „Auch singen dürft ihr nicht", sagt er mit vor Thränen erstickter Stimme. Das Kind verstummte und schlief bald ein. „Sage mir, Vater", fragt der älteste Sohn, „wann werde ich Barmizwah?" „Oh, nicht so bald, liebes Kind. Darauf musst Du noch vier Jahre warten; sollst nur gesund und stark sein." „Dann aber kaufst Du mir „Tefilin", nicht wahr, Vater?" „Selbstverständlich, Kindchen." „Und eine „Tefilintasche" dazu, ja?" „Gewiss!" „Und ein Gebetbuch, ein ganz kleines mit goldenem Rand." „Mit Gottes Hilfe — ja! — Bitte zu Gott, Chaim, er soll uns gnädig sein." „Dann aber faste ich alle Fasttage mit?" . . „Ja, Kindchen, alle Fasttage....., allmächtiger Gott im Himmel! nur nicht einen wie der heutige", flüstert Mendel leise hinzu.

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