Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- Die Zerstörung Jerusalems [Illustration]
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 565 - 566 (sequence 1)
- Language
- German
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565 566 LEBRUN. Die Zerstörung Jerusalems. EIN FASTTAG. Von I. L. Perez. Es ist ein schaurig kalter Abend. Beim matten Licht einer Kerze sitzt Sarah und stopft einen alten Strumpf, den sie aber von Zeit zu Zeit weglegen muss, da die vor Kälte starren Finger kaum im stände sind, die Nadel zu halten. So schlägt denn Sarah mit den Füssen und Händen gegen einander, um Leben in die erkalteten Glieder zu bringen. Auf dem Bette schlafen auf einem blossen Strohsack vier Kinder (zu zweien auf jeder Seite) mit alten Kleidern bedeckt. Jeden Augenblick erwacht eins mit dem Ruf: „Ich bin so hungrig, Mütterchen." „Wartet, Kinder," tröstet sie Sarah, „derVater wird bald nach Hause kommen und bringt gewiss was zu essen mit. Ich wecke Euch dann. Schlaft bis dahin . . . ." „Bekommen wir was Warmes?" fragen die Kinder weinerlich, „wir haben ja heute nichts Warmes im Munde gehabt." „Gewiss, gewiss, Kinderchen", meint Sarah und glaubt selbst ihren Worten nicht. Sie hält noch einmal genau Umschau in der Stube, was doch wohl noch zu versetzen wäre; aber sie findet leider nichts: kahle, feuchte Wände ringsumher. Ein eingefallener Ofen, anl dem oben eine alte verbogene Chanukalampe steht, die erkaltete Kochmaschine mit einigen zerbrochenen Töpfen und ein Haken in der Decke, die letzte Spur des einstigen Luxus; eines messingenen Kronleuchters. An der rechten Wand stehen zwei Bettstellen ohneKissen;—sonst nichts, nichts ausser ihremElend. Kaum dass dieKinder unterdemwehmutsvollen, schmerzerfüllten Blick der Mutter eingeschlafen sind, werden draussen Schritte, schwere langsame Schritte eines totmüden Menschen und das Anstossen der Wassereimer hörbar. Ein Freudenschimmer huscht über Sarairs gramerfülltes Gesicht, sie steht, so rasch es ihre starren Beine erlauben, hastig auf und eilt zur Thüre, in welcher ein bleicher abgezehrter Mann mit zwei leeren Wassereimern erscheint. „Nun, hast Du was bekommen?" fragt Sarah leise. „Nichts," antwortet ihr Mann, die Eimer in die Ecke stellend, überall sagt man: ,morgen, übermorgen, später' . . . „Die Kinder haben den ganzen Tag fast nichts gegessen," flüstert Sarah; „meine armen