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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 519 - 520

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Einige Gedanken über den Antisemitismus
Date
1902-08-01
Page
Seite 519 - 520 (sequence 2)
Language
German
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519 Mathias Acher: Einige Gedanken über den Antisemitismus. 520 begeifern? Hinter ihrer Erbitterung zuckt offenbar nicht der Nerv der beleidigten Volksehre, sondern schäumt einfach die besinnungslose Wut, die jeder Angegriffene auchgegen den mitRecht Angreifenden hat. Ihrer Erbitterung fehlt die Weihe der tiefen und innigen Ueberzeugung vom eigenen Recht. Neben dem moralischen hat sie aber auch noch ein intellektuelles Manko. Wer nicht blinde Spiessbürgeraugen im Kopfe bat, rnuss über den Versuch lächeln, mit dozierenden und doktrinären Gegenbeweisen einem alten, vererbten Hassbedürfnis der Völker, das den Teufel nach Beweisen fragt, beizukommen. Aber es war und ist nicht recht, sich von dieser richtigen Einschätzung der vulgären „Abwehr" zu einer Art Anerkennung des Antisemitismus verführen zu lassen. In dieser Anerkennung geht man in gewissen Kreisen heute sehr weit. Ohne es offen einzugestehen, sieht man auf die duldsamen, weitherzigen, vorurteilslosen Nichtjuden mit gutmütigem Spott herab, während gerade die strammsten Antisemiten als so eine Art nachstrebenswürdiger Vorbilder, als achtungswerte Feinde betrachtet werden. Ich kenne z. B. zionistische Studenten, die ihre innere Genugthuung nicht verbergen können, wenn sich irgend ein alldeutscher Dutzend- oder Uebernarr lobend über die nationaljüdischen Bestrebungen ausspricht. Ich möchte glauben, dass der Antisemitismus denn doch nicht solch hohen Respekt verdient, dass er gar nicht objektiv so gerechtfertigt und daher auch gar nicht so unangreifbar ist, wie unsere Ultras sich einbilden. Ich will nicht seine gegenwärtige Macht ableugnen oder ignorieren, wie dies gerade von kritischen Köpfen, wenn auch immer seltener, so doch leider noch allzu häufig geschieht. Ich bringe es nur nicht zustande, mich einerseits über diese Macht zu freuen, andererseits sie insofern als ewig anzuerkennen, als ihr nicht durch eine zionistische Lösung der Boden entzogen wird. Ich kann daher auch nicht zugeben, dass man den Antisemitismus ruhig gewähren lässt und den Kampf gegen ihn aufgiebt. Was ist, woher kommt eigentlich der Antisemitismus? Die Beantwortung dieser Frage ist gar nicht so leicht, als man sie sich oft macht. Vor allem ist es unrichtig, die letzten Anlässe als Ursache aufzufassen. Das thun z. B. und hauptsächlich diejenigen, die die heutige Gestaltung der ökonomischen Verhältnisse für den Antisemitismus verantwortlich machen. Diese Verhältnisse sind bloss ein Anlass zum Antisemitismus gleich anderen Anlässen, die es auch noch giebt, z. B. die ungünstige Verteilung der Juden über die Erdoberfläche, das jüdische Erwerbsleben, das auf diese Verteilung und auch schon auf primäre judenfeindliche Angriffe zurückzuführen ist. Von diesen Anlässen lieisst es psychologisch tiefer hinunterschreiten. Und man kommt auf diesem Wege zunächst zu Erscheinungen, die schon ganz wie Ursachen ausschauen, zur religiösen Verschiedenheit und zum nationalen Gegensatz. Das sind wohl keine Anlässe mehr, keine äusseren Anstösse, sondern in den Faktoren selbst gelegene notwendige Gründe, aber doch noch nicht die letzte Ursache. Sie weisen erst auf das hin, wovon sie, wenn sie auch eine selbständige Wesenheit, einen eigenen Wirkungskreis gewonnen haben, abstammen, auf den Rassengegensatz, als die letzte, innerste, latente Ursache des Judenhasses und aller judenfeindlichen Bewegungen. Ich kann im Gegensatz zu den meisten Sozialkritikern, die ja in nationalen Fragen, namentlich aber im Punkte der Judenfrage ihre sonstige Gründlichkeit zu verlassen pflegt, von dieser meiner alten Ueberzeugung nicht abgehen. Ich bin aber weit enifernt, in diesen Rassengegensatz verliebt zu sein und ihm ein uneingeschränktes Recht und eine uneingeschränkte Macht, besonders zur Aufhetzung der Menschen gegen einander zuzusprechen. Dies nicht etwa aus apriorischen Humanitätsgründen, sondern auf Grund ruhiger, sachlicher Prüfung. Diese lehrt nämlich, dass die Rasse nicht die einzige Geschichtskraft ist, dass ihre Macht von den anderen Geschichtskräften eingedämmt wird und ferner, dass die gewaltsame Austragung der Rassenkämpfe ebensowenig zu deren Wesen gehört, wie etwa die gewaltsame Austragung der wirtschaftlichen Kämpfe zu dem Wesen dieser. Die Menschheit tritt offenbar immer mehr in ein Stadium ein, wo sich alle ihre Kämpfe in friedlichen, gefälligen Formen abspielen, ohne die ungeheuren Säfteverluste, wie sie bisher vorkamen, sondern, im Gegenteile unter stetem, reichlichen Gewinn. Dass sich dieser Gewinnst auch in sozialsittlichen Formeln niederschlägt, wer könnte das verhindern oder möchte es bedauern? Und darum sind mir die Antisemiten so widerwärtig, weil sie, die gegenwartstaubsten und zukunftsblindesten, von all dieser Entwickelung nichts sehen und hören und sie mit ihren kleinen

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