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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 507 - 508

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Der Spruch der Einwanderungs-Kommission
Date
1902-08-01
Page
Seite 507 - 508 (sequence 2)
Language
German
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507 Der Spruch der Einwanderungs-Kommission. 508 Die nun folgenden Paragraphen enthalten Einzelheiten, auf welche wir teilweise im weiteren Verlaufe unserer Ausführungen zurückkommen. Der Schlussparagraph der Entscheidung lautet: Das unter der Regierung der verstorbenen Königin hauptsächlich — aber nicht ausschliesslich — zum Besten englischer Auswanderer eingerichtete Auswanderer - Informationsbureau (Emigrants' Information Office) soll beauftragt werden, im Einverständnis mit den jüdischen Vertrauensmännern der ständigen Kommission spezielle Druckschriften über die Verhältnisse der in Betracht kommenden Kolonien und Verwaltungsgebiete, in den für die jüdischen Auswanderer Osteuropas geläufigen Sprachen herauszugeben, entsprechend den bisher in englischer Sprache abgefassten Druckschriften über die für englische Auswanderer in Betracht kommenden Kolonien. Zum Zwecke der brieflichen und sonstigen Auskunfterteilung an nichtenglische Auswanderer, welche sich in englischen Kolonien und Verwaltungsgebieten ansiedeln wollen, soll ein besonderes Bureau errichtet werden, welches der Emigrants1 Information Office anzugliedern ist. * * * Die Gesichtspunkte, von denen sich die englische Kommission zur Prüfung der Fremdeneinwanderungsfrage hat leiten lassen, um zu diesem Resultate zu gelangen, sindhauptsächlich die folgenden: England, welches seit Jahrhunderten ein Asyl aller Verfolgten gewesen ist und in diesem Umstände einen seiner ersten Ruhmestitel zu sehen sich gewöhnt hat, steht zum ersten Male vor einer Einwanderungskalamität, und zwar durch das Einströmen von Juden aus Osteuropa. Nicht etwa, dass diese Einwanderung die grösste wäre, welche England gesehen hat. Es sind in den letzten 20 Jahren auch nach den höchsten Schätzungen nur annähernd 100000 osteuropäische Juden nach den vereinigten Königreichen gewandert, denen sicherlich eine weit grössere Anzahl eingewanderter Deutscher gegenüber zu stellen wäre. Trotzdem hat die grössere deutsche Einwanderung keine Schwierigkeiten hervorgerufen, und zwar aus den verschiedensten Ursachen, von denen wir nur die augenfälligsten zu erwähnen brauchen: Der Deutsche unterscheidet sich in seinem Habitus nicht sehr wesentlich vom Engländer, er assimiliert sich sehr schnell und fast vollständig, und schliesslich kann gegen ihn — bei aller Fremdenfeindlichkeit, die ja auch bei den fortgeschrittensten Kulturvölkern gelegentlich zu konstatieren ist — nicht jenes tiefe Hassgefühl mobil gemacht werden, welches erfahrungsgemäss mit sehr geringer Schwierigkeit der „schlummernden Volksseele" wohl aller christlichen Nationen entlockt werden kann, wenn es sich um die Juden handelt. Sehr viele andere Folgen hatte die neue jüdische Einwanderung in England. Der äussere Unterschied zwischen den Einwanderern und der englischen Bevölkerung ist der denkbar grösste, eine Assimilation der osteuropäischen Juden kann als unmöglich bezeichnet werden, und die wunderbare Kraft des jüdischen Blutes, das selbst in der grössten Verdünnung sich in unverkennbaren Rassegesichtern äussert, sorgt für eine leicht kenntliche Zielscheibe des Hasses, auf dessen Verschwinden in irgendwie absehbaren Zeiten kein unbefangener Beobachter mehr rechnen kann. Es ist wahr: so lange die frühere Verhältnisziffer der englischen Judenheit nicht wesentlich und nicht zu plötzlich verändert wurde, konnte man mit Recht auf England als eines der wenigen Länder hinweisen, in welchen der Judenhass nicht zu finden und nicht zu befürchten war. Dieser harmonische Zustand wurde aber durch die starke Einwanderung osteuropäischer Juden durchaus verschoben, und welches auch die Meinung der massgebenden englischen Kreise sein mag, so ist doch unbedingt mit der Volksstimmung zu rechnen, welche deutlich beginnt, sich gegen eine weitere grössere Einwanderung von Juden zu wenden. Es ist also als eine Thatsache zu betrachten, dass eine weitere Einwanderung von Juden nach England unerwünscht ist und die ernstesten Folgen haben könnte. Trotzdem besteht an den massgebenden Stellen kein Zweifel über den Wert des jüdischen Menschenmaterials, sodass an diesen Stellen nicht nur die Gründe der Menschlichkeit, sondern auch die Staatsraison es in hohem Grade wünschenswert erscheinen lassen, den heimatlosen Juden auf englischem Boden eine Heimstätte zu geben. Werden doch Kriege geführt und alle möglichen Anstrengungen gemacht, um die Oberherrschaft über oftmals recht unbeträchtliche Mengen von Individuen der tiefststehenden Völkerschaften zu erzwingen. Wie können da weitsichtige Staatsmänner die ausserordentlichen Fol-

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