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Ost und West · 1902-07-01 · Heft 7 (Juli 1902) · p. Seite 489 - 490

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 7 (Juli 1902)
Article
Sterben
Date
1902-07-01
Page
Seite 489 - 490 (sequence 2)
Language
German
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489 Lazare Felix Pinkus: Sterben. 490 über den Kranken. Sein Körper zittert und bebt, wilder Angstschweiss rinnt ihm von der Stirn herab, und die weitgeöffneten Augen blicken schaurig ins Leere. Seine Hand tastet wie suchend umher und — berührt das Kreuz. Sein entsetzter Blick fällt auf dieses, und dieser Anblick bringt ihm mit einem Mal das schon fast entflohene Lebensbewusstsein zurück. Das letzte Aufflackern der Lebenskraft vor dem Grauen der Vernichtung. Verworrene Worte lösen sich aus seinem qualvoll verzogenen Mund. Erst lallend, dann gebrochen wird seine Sprache schliesslich verständlich: „Verkauft meinen Glauben, verraten meinen Gott, verlassen die Grabstätte meiner Väter, verflucht jene/ die mich gezeugt und geliebt haben, und alles das, all' das Entsetzliche und Furchtbare für ein Amt, meinem Ehrgeiz zum Opfer gebracht, meinem Strebertum dienstbar gemacht." Vor seinem Geist zieht noch einmal jener Moment vorüber, wo er in der weiten grossen Kirche den Glauben seiner Väter abschwor und mit einer Lüge im Herzen den anderen beschworen. „Meineidig, verrucht" . . da, ein anderes Bild. Jener Freitag Abend, wo in dem traulichen Zimmer die Kerzen brannten und sein Vater im Kreise der Familie mit erhobener ^Stimme das Nahen des Sabbaths begrüsste. Weiter jener ernste und trübe Tag, die von düsteren Gestalten, in weissen, weiten Sterbemänteln gehüllt, gefüllte Synagoge seines Heimatsortes. Der klagende, herzzerreissende Gesang des Vorbeters, der um Gnade bat für die Sünden des Jahres, der um Vergebung bat bei jenem alten Gott, der schon seine Väter geführt und errettet, und jetzt . . .? Er lacht gequält und schrill auf. Sein Gott . . .? Sein Gott war ans Kreuz genagelt, gefesselt wie er selbst; wie sein Geist gefesselt war in den Tagen der Gesundheit, wo es ihn tausendfach zu seinem Volke, zu seinen gedrückten und gepeinigten Brüdern zog, wie damals, als der wilde Pöbel die Judenstadt plünderte, und er abseits stehen musste . . . denn er gehörte nicht zu ihnen--er war ein Abtrünniger. Eine Zeitlang schien es ihm, als wenn die erreichten Ehren, sein hohes Amt all das einbringen könnten, was er^verloren, selbst verschmäht hatte, aber unaufhaltsam drang der Gedanke in ihm zum Siege vor, dass er sein Volk verraten und verlassen, dass nicht sein Uebertritt das eigentliche Verbrechen gewesen war, sondern dass er schon vorher seinen Stamm verleugnet hatte. Dann in den öden, entsetzlichen Schauern des langen Krankenlagers blutete sein Herz, wenn die Kollegen vom Amt ihn besuchten und ihn mit dem Hinweis auf den Erlöser trösteten--und er, er hatte nicht den Mut gehabt, das Kreuz von der Wand zu reissen und laut zu schreien: „Lüge, Lüge ist alles gewesen, nicht das Heil habe ich gesucht, meineidig bin ich geworden"; nein, nicht so hatte er gerufen, lächelnd hatte er ihnen zum Abschied die Hand gereicht, das Kreuz war ruhig an der Wand geblieben; denn wenn er gesund würde, dann musste er ja sein Amt behalten und so das Ansehen eines guten, gottergebenen Christen bewahren. Und doch alles umsonst. Nein, es war entsetzlich. — Wild richtet er sich auf seinem Krankenlager auf, seine Rechte umspannt eisern das kleine Kreuz und schleudert es mit gewaltiger Kraft an die Thür, wo es in Stücke bricht. Noch ein Schrei, der wie Wahnsinn klingt, der ehern den Raum durchgellt, dann fällt er wie gebrochen auf sein Lager zurück. Und wieder minutenlang das monotone Ticken der Uhr. Langsam bewegt sich die Thür in den Angeln. Ein Priester im Amtskleid mit zwei Chorknaben, die einen Weihrauchkessel und die heilige Hostie tragen, treten herein, die Krankenschwester folgt. Der Priester tritt zu dem wie tot Daliegenden heran, der eine Knabe schwingt den Weihrauchkessel. Nun vermischen sich fromme Segenssprüche mit dem Tick-tack der Uhr, und die fromme Schwester sinkt vor der Hostie anbetend auf die Kniee. So feierlich soll die Seele vor den Thron des Höchsten gleiten. Der Sterbende bewegt sich, der Priester stützt ihn sanft, um ihm die Beichte abzunehmen und ihn von seinen Sünden zu lösen, damit er als gläubiger Katholik eingehe in das Reich der Seligkeit. Aber der Kranke reisst weit die Augen auf, wie abwehrend bewegt er seine Hände gegen den Priester, sein Mund öffnet sich, seine Augen leuchten in überirdischem, gottesdürstigem Glänze. Wie in einer Vision befangen, streckt er seine Hand gegen die Soutane des Priesters aus, und dann tönt es laut durch die von Weihrauch erfüllte Luft. Erst schreiend, gewaltig, bis es in mattem Murmeln erstirbt.--Schma Iisroel Adonoj Eiohenu Ado — — Und durch die Scheiben fällt das purpurne Licht des Abends.

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