Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- An der Klagemauer in Jerusalem [Illustration]
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 465 - 466 (sequence 1)
- Language
- German
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465 466 BEI MAX RABES. Draussen wehte ein feuchtkalter Wind. Der Frühling hatte bereits begonnen — Kalender gemäss. Ich hatte an irgend einer Ecke des dicht und dick bewölkten Himmels in einer Gewölkspalte etwas entdeckt, das mein Frühlingshunger als ein verlorenes Sonnenstrählchen deuten musste. So zog ich denn im dünnsten Sommerüberzieher aus meinem nordpolnahen Heim durch die schönen, breiten Strassenzüge des neuen Berliner Westens; und vor Frost klapperten mir die Zähne in all^ften Kalenderfrühling hinein. Endlich war ich in die majestätisch vornehme Burggrafenstrasse gekommen. Die vierstockhohe Kastanie vor dem Hause nickte mir ein kühles Willkommen zu. Ich sann nicht lange. Schon flirrte ein Schneeflockentreiben auf mich herab. Und ich dankte Gott, dass ich endlich in ein schützendes Haus kam. Giebt es eine dienlichere Vorbereitungskur für den Besuch eines Orientmalers? Man geht ja denselben Pfad, den der Künstler genommen. Die Rauheit und Grauheit des Nordens erzeugt die Sehnsucht nach dem warmen, sonnigen Süden, wo leuchtende Farben in ätherklarer Luft den Maler rulen und locken. So war Italien den deutschen Künstlern nicht nur das Land, wo die Fülle erhabener Werke den Werdenden und Ringenden Ansporn und Belehrung bot; sein blauer Himmel und all die Schönheit blütenduftiger Gefilde und hochragender Berge und lauschiger Thäler und heimlicher Waldseen, umgössen von Millionen zarter und fein geschiedener Farbentöne, Hessen den Nordländer nicht zur Ruhe kommen. Aber den einen und anderen zog die Lust an den leuchtenden Schimmer weiter in die Heimat allen Farbenzaubers, den Orient.