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Ost und West · 1902-07-01 · Heft 7 (Juli 1902) · p. Seite 463 - 464

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 7 (Juli 1902)
Article
Hebräisch und jüdisch
Date
1902-07-01
Page
Seite 463 - 464 (sequence 4)
Language
German
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463 Mathias Acher: Hebräisch und Jüdisch. 464 der Bevölkerung gesprochene Sprache ein viel grösseres Uebergewicht als heute. Dann liefe das Hebräische fast Gefahr, auf die Stufe eines nationalen Repräsentativums zu sinken, das man nur mit Rücksicht auf die ausländischen, nicht jüdisch sprechenden Volksgenossen nicht ganz vernachlässigen darf. Welche Ironie, dass sich bei soviel realistischer Betrachtung, als derlei Zukunftsphantasie überhaupt zulässt, das romantisch verhätschelte Hebräisch als die Sprache des „Golus" und der viel geschmähte „Jargon" als die des „Ex Golus" darstellt! Aber so interessant der Gedanke auch sein mag, er ist praktisch nicht viel wertvoller als alle anderen Prophezeiungen, die im Hinblicke auf irgend einen ganz unbestimmten Zukunftszustand gemacht werden. Da ist es doch viel vernünftiger, sich mit der Gegenwart zu befassen und zu prüfen, was man im Sinne der Entwicklung thun kann. Den Hauptteil dieser Thätigkeit besorgt das Volk ganz ohne Absicht, indem es spricht und liest, und die Dichter und Schriftsteller ebenso absichtslos, indem sie schreiben. Doch brauchen deshalb manche, mit Zweckbewusstsein vorgenommene Massregeln nicht überflüssig zu sein. Eine solche möchte ich hier in — ich fühle es wohl — etwas unvermitteltem Anschlüsse an die obigen Ausführungen vorschlagen, und zwar: die Einführung der lateinischen Schrift sowohl für Hebräisch als Jüdisch. Für Hebräisch habe ich diese Forderung schon vor mehreren Jahren, als ich noch Gegner des „Jargons" war, im Gespräche mit Sachverständigen aufgestellt. Ich halte sie noch heute aufrecht, erhebe sie aber mit zehnfachem Nachdruck für das viel modernere und mächtigere Jüdisch.*) Und wenn ich auch zugeben muss, dass der Vorschlag heute keiner viel freundlicheren Stimmung begegnet, als damals, so bleibe ich doch fest überzeugt, eine Sache zu vertreten, die in der Luft schwebt, die werden muss, ob man sich nun dagegen wehrt oder 'nicht. *) Den Artikel schreibend, erfahre ich, dass eben eine in antiqua Lettern gedruckte jüdische Zeitschrift in Rumänien erscheinen soll oder schon erschienen ist. Näheres weiss ich darüber noch nicht. In erster Linie wird speziell für Hebräisch die Durchführbarkeit der Reform vom sprachwissenschaftlichen Standpunkte aus bestritten. Ich kann diesem Einwände hier nicht entgegentreten,, wenn ich nicht den Rahmen des Aufsatzes völlig sprengen will. Nur soviel will ich sagen, dass er mir nicht viel wertvoller zu sein scheint, als die Gründe, die von den Schulnaturen gegen jede Aenderung der Rechtschreibung angeführt zu werden pflegen. Die nationalen Bedenken rühren mich gar nicht. Zunächst ist unser „hebräisches" Alphabet bekanntlich nicht hebräisch, sondern assyrisch. Dann ist überhaupt die Schrift lange kein nationales Kulturgut mehr, an dem ungezählte Generationen des Volkes arbeiten, sondern ein Stück Civilisation, das man frei erfindet. Und schliesslich ist die sogenannte lateinische Schrift — die deutsch*gotische ist bloss eine geringfügige Abweichung — zum Symbol der Civilisationsgemeinschaft der europäischen Nationen geworden. Es ist kein Zufall, dass in Europa nur die rückständigen Völker an nichtlateinischen Alphabeten eigensinnig festhalten. Damit komme ich auf die dritte Einwandskategorie, dass die ganze Sache viel zu kleinlich sei, um ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Wer dies behauptet, hat sich einfach von dem ganz, ultra-nationalistischen Gedankengange eines neuorientalischen Judentums noch nicht losgesagt, hat noch nicht die Wahrheit begriffen, dass das jüdische Volk der Civilisation nach europäisch oder gar nicht sein wird. Das in europäischen Lettern geschriebene Hebräisch und Jüdisch vermag auch die Vorstellung eines selbstständigen jüdischen Kulturvolkes den nichtjüdischen Völkern eindringlicher und nachdrücklicher einzuschärfen, als dies hunderte zionistischer Zeitschriften im stände sind. Es fesselt auch die jüdischen Massen und ihre geistigen Berater mit unansehnlichen, aber eisenstarken Ketten an ihr Volkstum ebenso, als an die grosse europäische Civilisationsgemeinschaft. Und das ist doch kein. Kleines, möchte ich meinen — für die Sprachen selbst sowohl, als für das Volk.

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