Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Hebräisch und jüdisch
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 459 - 460 (sequence 2)
- Language
- German
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459 Mathias Acher: Hebräisch und Jüdisch. 460 Ja, aber eben Bild und Geist der nationalen Würdelosigkeit, des Golus — wird man mir vielleicht zugeben, um mich erst recht zu widerlegen. Nun, ich kann nichts dafür: Ich stehe dem Worte Golus längst nicht mehr mit dem alten, gläubigen Schreck gegenüber, ich beuge mich ihm nur soweit, als es meine Vernunft und mein inniges jüdisches Kulturempfinden verlangen.*) Aber selbst wenn ich noch das absolute Golus anerkennen würde, so könnte ich dennoch nicht einsehen, auf welche Weise der Geist dieses Golus die Lebenswirklichkeit und Entwicklungsfähigkeit der jüdischen Sprache verneinen, diese hindern könnte, sich in etwaigen nachgolutischen Zeiten mit einem nichtgolutischen Geist zu erfüllen. Gerade so, wie alle vorgolutische Ueberlieferung nicht im stände ist, dem heutigen Hebräisch den Anflug des Getthos zu nehmen, den es bald in höherem, bald in geringerem Grade aufweist und aufweisen muss. Denn es ist auch andererseits nicht wahr, dass das Neuhebräische ohne Beziehungen zum wirklichen Leben ist, — mögen sie auch weniger durchsichtig sein, als beim Jüdischen. Schon dass es mehrere grosse hebräische Tageszeitungen giebt, die zusammen über Hunderttausende von Lesern verfügen — während es z. B. in lateinischer Sprache nur ein Tagblatt, ich glaube in Rom, giebt, das mit Ausschluss der Oeffentlichkeit erscheint —, ist ein wichtiger Fingerzeig. Gut, wird man sagen, aber die Sprache ist dem baldigen Untergange geweiht. Sie war und ist nicht mehr als das Instrument der „gebildeten" national-jüdischen Ideologen, mittels dessen sie auf die ostjüdische Bourgeoisie wirken, sie ist die müssige Schöpfung romantischer Gehirne, die in sich zusammensinken wird, wenn sich diese Gehirre einmal ausnüchtern. Thatsache ist, dass das Neuhebräische heute zum allergrössten Teile im Bürgertum seine Kenner und Leser hat — von Sprechenden kann ia überhaupt kaum die Rede sein — und dass seine rührigsten Apostel die „gebildeten" Bürger sind. Aber daraus dürfen keine vorzeitigen Schlüsse gezogen werden. Das jüdische Volk des Ostens bestand ja bis vor verhältnismässig kurzer Zeit fast lediglich aus Bürgern, wenn man, was namentlich in kultureller Hinsicht ganz unbedenklich ist, auch die Millionen von Bettel- und Betproletariern zur Bourgeoisie rechnet. Für dieses das ganze Volk bildende Bürgertum haben nun die grossen Geister des Volkes — die jenseits aller Klassen stehen — das Hebräische, das sie vorfanden, und das übrigens eine lange, nie ganz unterbrochene Fortentwicklung hinter sich hatte, in moderne Formen gegossen, zu europäischer Ausdrucksfähigkeit gesteigert. Sie befriedigten mit dieser Arbeit ihres Genius zwei tiefe Bedürfnisse des Volkes, von welchen wir zunächst eines anführen wollen, das Bedürfnis nach einem leicht *) Siehe meinen Artikel: „Die ,Lösungen' in der Judenfrage" in der vorigen Nummer von „Ost und West". zugänglichen Aufklärungsmittel. Dass sich dann die grossen Scharen der kleinen Geister einfanden, um auch an dem grossen Werke herumzubosseln, dafür können doch jene nicht, das ist ja das Schicksal der geistigen Könige aller Völker, wenn sie auch nicht überall mit gar sa viel Kärrnern gesegnet sind, wie bei den Juden. Nun hat aber das Volk, resp. seine neue und hoffnungsvollste Schicht, das Arbeiterproletariat, ebenfalls durch die klassenlosen geistigen Spitzen des Volkes, ein neues Aufklärungsmittel gefunden, das ihnen noch zugänglicher ist, ihre eigene Umgangssprache, das Jüdische. Wozu soll jetzt noch das Hebräische? Ist es nunmehr nicht wirklich ein unnützer Luxusartikel geworden? Muss nicht die Sprache, die von allen verstanden wird und den Kulturbedürfnissen genügt, naturgemäss diejenige verdrängen, die zwar auch jenen Bedürfnissen entspricht, aber nur von einer kleinen Minderheit mitverstanden wird? In diesem Einwand verbindet sich ein richtiges mit einem unrichtigen Moment. Er ist insofern berechtigt, als er das Monopol einer Sprache auf Erfüllung von Kulturbedürfnissen bestreitet, wird aber nach der Richtung, dass er die unbewusste Sprach wähl viel zu sehr von Zweckmässigkeitsgründen abhängig macht und die Sprachbeharrlichkeit der Minderheit, das selbständige Schwergewicht ihrer Sprache viel zu gering einschätzt. Der Fehler wird dadurch nicht geringer, sondern eher grösser, dass diese Minderheit die Sprache als Nebensprache pflegt und dass auch die Mehrheit, wie dies thatsächlich der Fall ist, nie ganz von ihr loskommt. Es beweist dies nämlich, dass für den Fortbestand der hebräischen Sprache neben dem Gesetze der Trägheit und neben ihrer verringerten Notwendigkeit als Aufklärungsmittel noch ein tiefliegendes Bedürfnis sprechen muss. Dieses ist auch vorhanden. Es beruht darauf, dass die jüdische Gemeinschaft trotz der grossen Mehrheit der Jüdischsprechenden denn doch über den Kreis derselben nach verschiedenen Seiten hinausreicht. Von diesem Gesichtspunkte aus stellt sich die Arbeit am Hebräischen dar als Ausfluss des Triebes nach sprachlichem Ausdruck der jüdischen Stammeseinheit in Ost und West, in Vergangenheit und Zukunft. Dieser Trieb ist ebenso natürlich und stark als der Trieb, die eigene Umgangssprache auszugestalten und zu veredeln. Aus beiden Trieben, die ja in der einzigartigen Geschichte Israels ihre Begründung haben, ergiebt sich der einzigartige Parallelismus zweier Sprachentwicklungen in einem Volke. Für absehbare Zeit ist eine Abweichung von diesem Dualismus nicht zu erwarten. Eine Alleinherrschaft des Hebräischen ist sicher ausgeschlossen — selbst für den Fall, dass sich die Hoffnungen der Zionisten in der weitgehendsten Weise erfüllen sollten, — ja, in diesem Falle sogar vielleicht noch mehr als sonst. Denn gerade in einem geschlossenen Staatswesen erhielte das Jüdische als die von der erdrückenden Mehrheit