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Ost und West · 1902-06-01 · Heft 6 (Juni 1902) · p. Seite 425 - 426

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 6 (Juni 1902)
Article
Hebräische Fremdwörter
Date
1902-06-01
Page
Seite 425 - 426 (sequence 1)
Language
German
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425 Litterarisches. — Miscellen. 426 Hebräische Fremdwörter.*) Das deutsche Volk hat, von der Zeit abgesehen, in der Gelehrte, Gebildete und am meisten Halbgebildete einen lächerlichen Unfug mit der Entlehnung von Wörtern und Redewendungen aus fremden Sprachen getrieben haben, seine Fremdwörter vorzugsweise den alten und neuen Kult Ursprachen entnommen: dem Lateinischen und Griechischen meist für die wissenschaftliche, dem Französischen für die gesellschaftliche, dem Englischen für die geschäftliche Sprache, die Industrie, Technik, Schiffahrt, den Sport, und endlich dem Italienischen für die Musik. Andern Sprachen gegenüber hat das deutsche Volk sich ziemlich ablehnend verhalten. Trotz des sehr regen Handelsverkehrs mit dem benachbarten Holland haben wir von dem Holländischen uns fast nichts angeeignet. Obwohl wir mit Russland ein lange gemeinsame Grenze haben, und ein reger Handels- und Personenverkehr zwischen den beiden grossen Nachbarvölkern besteht, haben nur sehr wenige russische Wörter in die deutsche Sprache Eingang gefunden. Seit langer Zeit sind Millionen Polen unsere Mitbürger und Nachbarn, aber ausser „Dali", „Schlachtzitz" und wenigen andern Wörtern kommt nie ein polnisches Wort über eine deutsche Zunge, es sei denn, dass eben polnisch gesprochen wird. Dagegen ist eine grössere Zahl hebräischer Wörter in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen, und das Spitzbuben-Rotwälsch besteht sogar zu einem beträchtlichen Teil aus allerdings meist entstellten hebräischen Wörtern. Nicht die gelegentlichen, sondern die berufsmässigen Diebe haben sich für ihren Verkehr hebräische Wörter angeeignet, sie, die stets darauf angewiesen waren, ihren Raub meist bei Trödlern unterzubringen. Trödler aber waren vorzugsweise Juden. Die Sprache der bewussten und unbewussten Hehler wurde die internationale Sprache der Stehler. Aber wir wollen uns hier nur mit den in der ariständigen deutschen Welt gebrauchten hebräischen Fremdwörtern beschäftigen. Diese sind in zwei Klassen zu teilen, eine, so zu sagen, vornehme und eine zweite, die solche Wörter umfasst, die, ohne im Hebräischen lächerlich oder familiär zu sein, in der deutschen Umgangssprache diesen Charakter angenommen haben. Zur ersten Klasse gehören alle unmittelbar aus der heiligen Schrift in den kirchlichen Gottesdienst oder in die geistliche, gewähltere Sprache aufgenommenen. Amen, Selah, Hallelujah, Hosiannah, Zebaoth sind jedem deutschen Kirchenbesucher vertraute Wörter. Ebenso kennt jeder Deutsche die hebräischen Wörter Messias, Golgatha, Satan, Sabbath. Gebildeteren Leuten sind auch hebräische Wörter geläufig wie „Tohuwabohu" (wüst und leer), Schiboleth, eigentlich zu deutsch Aehre, bedeutet aber bekanntlich Losungswort, Krethi *) Aus der Kölnische a Zeitung. und Plethi (gemischte Gesellschaft), Menetekel (Warnungszeichen), Kabbalah, Torah, Talmud, Schulchan Aruch. Erwähnt seien hier auch Bezeichnungen wie Bethel, Bethanien, Bethesda. Eine Anzahl hebräischer Namen und Wörter hat bei uns eine landläufige Bedeutung gewonnen, so Mammon für Geld, Enakssohn und Goliath für Riese, Nimrod für Jäger, Mannah für Labsal. Eine grosse Zahl unserer Mitbürger charakterisieren wir als Philister, andere als Pharisäer. Auf Unwissenheit beruhende Gehässigkeit einerseits und die versöhnende Macht der Musik andererseits haben Kol Nidre populär gemacht, mit welchen Worten das erste Gebet am Vorabende des Versöhnungstages beginnt. Damit sind wir wohl mit den „honorigen" Wörtern aus dem Hebräischen zu Ende, und wir kommen zu der zweiten Klasse. Das bekannteste Wort dürfte Goi sein, mit dem alle Nichtjuden bezeichnet werden. Welche Unterschiede auch zwischen Akum, Orel, Nochri und Goi vorhanden sein mögen, im ganzen sind sie Synonyma, aber nur Goi ist den Nichtjuden bekannt. Der junge Nichtjude heisst Schegez, die verheiratete Nichtjüdin Goje, die unverheiratete Schigse. Es sind dies alles hebräische Wörter. Solchen, die mit Juden häufiger verkehren, wird vielleicht auch das Wort „Gojim- Naches" geläufig sein, zu deutsch „ein Vergnügen der Nichtjuden". Darunter verstehen die Juden mit grossen Anstrengungen, Kosten oder Gefahren verknüpfte Vergnügungen, beispielsweise Bergkraxeln, Mensuren, Schlemmereien, Trinkgelage, selbst die Jagd und manchen anderen Sport. Eine hauptsächlich den Nichtjuden zugeschriebene Untugend Juden gegenüber wird mit Rischus bezeichnet, d. i. wörtlich übersetzt „Bosheit"; man versteht jedoch darunter namentlich Judenfeindlichkeit. Diese Wörter sind vielen deutschen Christen bekannt, aber letztere werden natürlich selten Gelegenheit haben, sie anzuwenden. Dagegen brauchen deutsche Christen sehr oft das gut hebräische Wort „meschugge" für verrückt. Aber dieses hat noch eine gewisse, das Mitleid aufhebende Nebenbedeutung. Die Christen wenden es selten an auf den wirklichen Geisteskranken, sondern, was die Juden übrigens auch thun, auf einen, der unklug, herausfordernd, verwegen, unbesonnen, unpraktisch, eigensinnig handelt. Wer über die goldene Mittelstrasse ohne inneie Berechtigung, ohne hohes Ziel sich hinauswagt, ist rmeschugge". Sein lächerliches Gegenstück ist der „Schaute", Narr, der gleichfalls schon naturalisiert ist. Der Schaute braucht nicht gerade ein Dummkopf zu sein; er kann tüchtig, begabt, gelehrt sein, aber wenn er sich närrisch benimmt, kleinlich, in lächerlicher Weise extravagant ist, ein Steckenpferd bei jeder Gelegenheit vorführt, dann ist er ein „Schaute". Dem entspricht das gleichfalls häufig vorkommende Abstraktum „Schtuss". „Reden Sie keinen Schtuss!" „Machen Sie keinen Schtuss!" sind häufige Redensarten, oder auch kurz „Schtuss!" für Unsinn. (Schinss folgt.)

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