Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-06-01 · Heft 6 (Juni 1902) · p. Seite 383 - 384

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 6 (Juni 1902)
Article
Die Emigration im Golus
Date
1902-06-01
Page
Seite 383 - 384 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583897-2585610--01731-2585689
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

383 Alexander Hausmann: Die Emigration im Golus. 384 grationscentren Nordamerika und England. Es sind dies Länder, die den grossen Vorzug der politischen Freiheit haben, andererseits auf einer Stufe der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung stehen, in welche die Auswanderer aus dem rückständigen Osten nicht recht hineinpassen. Der Jude des Ostens ist wirtschaftlich Kleinhändler, ungelernter oder nicht genügend ausgebildeter Arbeiter oder Luftmensch, sittlich — jedoch nur in geschäftlicher Beziehung — eben durch seine Beschäftigungen und durch die Verhältnisse, unter denen er ihnen obliegt, herabgekommen, kulturell rückständig und noch ganz in der jüdischen Tradition stehend. Sowohl England als auch Nordamerika — letzteres allerdings erst seit kurzer Zeit — sind Länder mit einem geschlossenen, einheimischen Arbeits markte, der vollkommen der vorhandenen Nachfrage nach Arbeit genügt. Der jüdische Einwanderer, der meist ganz oder beinahe mittellos^ also auf den Erwerb durch Arbeit angewiesen ist, drückt durch sein Massenangebot den Preis der Arbeit und ruft dadurch bei der mächtigen einheimischen Arbeiterschaft jene Gefühle hervor, die ihn zu Hause zur Ergreifung des Wanderstabes gezwungen haben. Er erhält als Luftmensch, der für alles zu haben ist und nichts wirklich kann, oder als ungelernter, also minderwertiger Arbeiter, nur die ärgste, am schlechtesten bezahlte, unsicherste und zur Erlangung einer dauernden materiellen Grundlage aussichtsloseste Arbeit. Dabei treibt ihn die jedem Juden angeborene Sehnsucht nach wirtschaftlicher Selbständigkeit, lieber als eigener Herr zu hungern als auf fremdes Brot angewiesen zu sein, fortwährend der traditionellen Beschäftigung, dem Kleinhandel zu. Was soll aber der Kleinhandel, der so schlecht auf Kapital und persönliche Qualifikation fundiert ist, in Ländern des Grosshandels und der gigantischen Truste? Die Moral des Händlers, der seinem Kunden den doppelten Wert vortäuschen muss, um den normalen zu erhalten, des Luftmenschen, dem die ewige Sorge um den Lebensunterhalt, der fortwährende Wrechsel zwischen . Schnorrerei, ehrlicher Arbeit und bald erhebenden, bald erniedrigenden Gelegenheitserwerben das Selbstbewusstsein und den Sinn für moralische Verantwortlichkeit rauben, passt nicht zur streng reellen und soliden Businessmoral des Engländers, nicht einmal zum grosszügigen Humbug des Amerikaners. Das plötzliche Eintreten aus tiefster Unkultur in eine Welt der modernsten Civilisation, der Zwang, alle Gewohnheiten, in die man eingelebt ist, abzulegen und eine neue Lebensweise anzunehmen, deren Sinn man nicht begreift, macht den jüdischen Einwanderer zu einem kultureilen Zwitterdinge. Er muss die Gedanken- und Gefühlswelt, die er mitgebracht hat, aufgeben und kann die neue, wegen der gewaltigen Distanz beider, nur äusserlich aufnehmen, nicht aber in sich verarbeiten und mit der eigenen zu einer Einheit verschmelzen. Er wird in seinem Aeusseren unecht und in seinem Inneren wirre. Wegen seiner Verschiedenheit findet er nicht den Anschluss an die ein-' heimischeBevölkerung. nicht einmal an die einheimischen Stammesgenossen. Scheu zieht er sich in ein freiwilliges Ghetto zurück, und der Zweck der Auswanderung, derentwegen er soviel Elend und Opfer auf sich genommen, die dauernde Besserung seiner Existenz ist nicht erreicht. Häufig fährt er, nachdem er sich einiges unter den grössten Entbehrungen erspart hat, in die alte Heimat zurück, um dann nach einiger Zeit, von derselben harten Notwendigkeit getrieben, wieder auszuwandern. — Möglich ist es, dass die kommende Generation dieser Einwanderer sich in die neuen Verhältnisse einleben und die Bedingungen zur Erlangungmaterieller Selbständigkeit und einer eigenen kulturellen Entwickelung schaffen wird. Doch man muss mit der Thatsache rechnen, dass die Aufnahmefähigkeit von Amerika und England beinahe erschöpft ist, und dass jede neue Einwanderung die Lage und die Aussichten der bereits Eingewanderten verschlimmert. Der einzige Ausweg ist das Ausfindigmachen von Ländern, in welche die bestehende Emigration abgelenkt werden muss. Ich will hier einen ganz konkreten Vorschlag machen, der von Berufenen zu prüfen wäre, der eventuell, wenn die Thatsachen meinen Ansichten widersprechen sollten, in dieser hochwichtigen Frage die Anregung zu ähnlichen, vielleicht besseren Vorschlägen sein soll. Die Frage ist um so aktueller, als die grosse rumänische Auswanderung jeden Augenblick zu befürchten ist, und als die Emigration aus Galizien von Tag zu Tag grössere Dimensionen annimmt...... Kapland umfasst ein Gebiet von 572 000 qkm. das nach einer Schätzung vom Jahre 1893 von 1 659 000 Einwohnern, darunter von nur 3000 Juden, bewohnt war. Transvaal hat einen Flächenraum von 308000 qkm mit einer Bevölkerung (Schätzung vom Jahre 1895) von 879 000 Einwohnern. Die Zahl der Juden in Transvaal ist mir unbekannt. Im Freistaate Oranje zählte man im Jahre 1890 bei einer Bevölkerung von 207 000 Einwohnern kaum 113 Juden. In den letzten Jahren hat eine stärkere jüdische Einwanderung eingesetzt, speziell russischer Juden auf dem Umwege über England, so dass man kaum fehl gehen wird, wenn man die Anzahl der Juden in ganz Südafrika auf 10 000 schätzt. Die Nachrichten, die wir von diesen Juden haben, lassen auf ein Wohlergehen schliessen. Sie haben ein eigenes hebräisches Blatt unter dem Titel „Haor", das Licht, und, wenn ich nicht irre, auch eine eigene Jargonzeitschrift „Der Jude." Ich denke mir. dass Südafrika das Gebiet ist, welches derzeit die meisten Vorteile für eine jüdische Einwanderung bietet.*) Politisch die Sphäre der englischen Freiheit, sprachlich das Gebiet dem Jargon verwandter Sprachen, Buren- *) Das Klima von Südafrika ist ein massig warmes. Jahrestemperatur 16—17°. Die Gefahren der tropischen Ebene für die Gesundheit, die so häufig ein Haupthindernis der Kolonisation südlicher Länder bilden, sind nicht vorhanden, weil das Land terrassenförmig von der Küste landeinwärts aufsteigt und ziemlich hoch über dem. Meeresspiegel gelegen ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.