Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Die "Lösungen" der Judenfrage
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 4)
- Language
- German
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367 Mathias Acher: Die „Lösungen4* der Judenfrage. 368 Befreiung aufhält oder gefährdet. Gerade das thut er aber dann, wenn er sich seine Ziele selbst übertreibt und dadurch einerseits zu Schritten gedrängt wird, die ihn mit der allgemeinen Entwicklung zusammenstossen lassen, andererseits die Juden abhält, um .die weitere Verbesserung ihrer Lage im Golus zu kämpfen. In der Forderung dieses Kampfes liegt der Sinn des azionistischen Nationalismus. Nur weiss er wenig Vernünftiges mit dieser Forderung anzufangen. Er führt den Kampf dort, wo er keinen nennenswerten Erfolg verspricht: für eine nationale Gleichberechtigung, die einem Volke ohne Boden nur in sehr begrenztem Masse dienen kann; für einen isolierten politischen Kampf gegen Unterdrückungen, die nicht aulhören können, bis nicht gewisse allgemeine Ziele erreicht sind; für wirtschaftliche Organisationen, die gegenüber Missständen, die sich aus der allgemeinen wirtschaftlichen Lage ergeben, einigen Nutzen gewähren mögen, gegenüber dem spezifischen ökonomischen Judenelend aber einfach versagen. Dagegen fehlt der jüdische Nationalismus dort, wo man ihn am dringendsten braucht. Er hat fast gar keine Zeit übrig für die Pflege kultureller Tendenzen, die trotz aller ultrazionistischer Widerrede gewiss nicht herausgeworfene Mühe, sondern eine höchst reelle Arbeit für Gegenwart und Zukunft darstellen. Noch weniger zeigt er sich, von einigen Konkurrenzversuchen abgesehen, für das Quantum Wahrheit empfänglich, das in der zionistischen Bewegung liegt. Und schliesslich thut er gar nichts im Interesse desjenigen Zieles, das einer azionistischen jüdisch-nationalen Politik vor allen anderen vorschweben müsste, für die Herbeiführung eines Zustandes, in dem alle über die Erde verstreuten Juden nur das besprochene Golus-Minimum zu tragen hätten. Eine solche Thätigkeit müsste darauf gerichtet sein, eine planvolle und durchaus von realistischen Gesichtspunkten geleitete Verteilung der Juden in den verschiedenen Ländern der Erde durchzuführen. Ausserdem müsste sie sich in Erkenntnis dessen, dass die beste Gewähr für die Herabdrückung des Golus die Entwicklung der Menschheit zu immer höheren politischen und wirtschaftlichen Daseinsformen ist, auch auf den Kampf für diese erstrecken. Gerade dieser letztere Punkt aber ist es, an dem sowohl der jüdische Nationalismus als auch der Zionismus — wenigstens in ihren heutigen Erscheinungsformen — notwendigerweise versagen müssen. Auf Schichten gestützt, die mit reaktionären Instinkten ausgestattet und an den grossen sozialen Befreiungsfragen nicht bewussterweise interessiert sind, können sie diesbezüglich nichts thun. Hier sind nur die proletarischen Schichten des jüdischen Volkes leistungsfähig. Und wirklich haben sie bereits im Osten, zu mächtigen Heeressäulen formiert, den Kampf begonnen. Natürlich aber verfallen auch sie in die krankhafte Einbildung, die einzige „Lösung" gefunden zu haben. Wiewohl ihre Organisation auf einer erfreulichen Bejahung der jüdischen Nationalität beruht, so fehlt ihnen doch noch jedes Begreifen dafür, dass neben dem Kampfe gegen die dunklen Gewalten Europas auch eine jüdische Verteilungs-Aktion einhergehen muss. Noch weniger können sie vorläufig einsehen, dass auch die Individualität des jüdischen Volkes ein Märtyrer ist, der endlich erlöst werden will und muss. So sehen wir denn, dass jede der drei alleinseligmachenden Richtungen wunde Punkte im Leben des jüdischen Volkes aufzudecken weiss, gleichzeitig aber auch die von den anderen aufgedeckten wunden Punkte nicht sehen und nicht anerkennen will. Keine dieser Gruppen hat Verständnis und Mut für die ganze Wahrheit. Muss es so bleiben? Bis zu einem gewissen Grade allerdings. Denn es liegen zum Teil Weltanschauungsgegensätze vor. Solche berechtigen aber, ja verpflichten sogar zu gesondertem Vorgehen — soweit der Gegensatz reicht. Doch zum Teil ist die Gegensätzlichkeit nur scheinbar, bloss durch die Brille der Partei-Animosität hervorgerufen. Man befasst sich aus „Lösungs"- Fanatismus nicht mit gewissen Fragen, die, genauer geprüft, den Parteigrundsätzen eigentlich gar nicht widersprechen. Würde hierin einmal Wandel eintreten, dann würden wir höchstens zwei gesonderte jüdische Gruppen an der Arbeit sehen — die bürgerliche und die proletarische — aber beide würden ein gesättigtes, erschöpfendes und — vom trennenden Klassenstandpunkte abgesehen — verwandtes jüdisches Programm aufweisen. Im Besonderen hätten sie beide für zwei der wichtigsten Ziele jeder jüdisch-nationalen Politik — günstige Verteilung der Juden in den verschiedenen Ländern und Territorialisierung der jüdischen Kultur — gleichzeitig Sinn. Sie würden dann auch zur Erkenntnis kommen, dass aus beiden Zielen keine „Lösungen" gemacht werden können, dass vielmehr beide mit einander, ja durch einander er-