Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Die "Lösungen" der Judenfrage
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 363 -364 (sequence 2)
- Language
- German
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363 Mathias Acher: Die „Lösungen" der Judenfrage. 364 es ein Golus? Gewiss, aber es ist nur in der Theorie absolut In der Wirklichkeit wird es durch geschichtliche Entwicklungen eingeschränkt, und zwar um so mehr, je weiter die Entwickelung gediehen ist. Darum drückte es in früheren Jahrhunderten stärker als heute, und drückt heute in rückständigen Ländern stärker als in fortgeschrittenen. Im ganzen giebt es drei grosse Entwicklungsstadien des Golus. Das erste ist die Periode des gesetzlich sanktionierten Druckes. Doch auch innerhalb dieser Periode giebt es Stufen. Auf der entwicklungsgeschichtlich ältesten, tiefsten befinden sich die Juden ganz ausserhalb der für die Heimischen eingerichteten Rechtsordnung. Der Staat selbst steht an der Spitze der gegen ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Menschenwürde und ihr Vermögen gerichteten Angriffe. Mit fortschreitender Entwicklung wird das gesetzlich gewährleistete Recht auf solche Angriffe eingeengt: daneben werden den Verfolgten allmählich immer mehr Positionen innerhalb der allgemeinen Rechtsordnung eingeräumt. Diese Entwicklung findet ihren vorläufigen Abschluss darin, dass jede staatlich approbierte Gewaltanwendung gegen Juden als Juden unmöglich wird, die Juden selbst privatrechtlich mit der übrigen Bevölkerung gleichgestellt werden. Von der privatrechtlichen Gleichstellung zur politischen ist nur noch ein Schritt: ist auch dieser gethan, so hat die erste Golus-Periode ihr Ende gefunden. Es beginnt die zweite Periode, die des Drucks mit ausser-gesetzlichen, ich möchte sagen diskretionären Mitteln. Diese zweite Periode bedeutet einen grossen Fortschritt gegenüber der ersten. Es sind mächtige Anti-Golustendenzen vorhanden, welche ein legitimes, systemisiertes Golus nicht mehr gestatten, sondern die judenfeindlichen Instinkte des Volkes zwingen, sich unmittelbar und aussergesetzlich zu entladen. Auch diese zweite Golusperiode weist Stufen auf, die den Entwicklungsstadien der einzelnen Zeiten und Länder entsprechen. Auf der untersten dieser Stufen stehen gewaltthätige, widergesetzliche Ausbrüche des Judenhasses, die dann das Bild des ganz alten Golus mit seinen Missethaten im Namen und Auftrage des Staates selbst vortäuschen. Eine im Sinne der aligemeinen Entwicklung höhere Stufe des Golus bildet der Judenhass in politischen Organisationsformen, als Parteibewegung. Einen weiteren Fortschritt stellt jener Zustand dar, den man heute als gesellschaftlichen Antisemitismus zu bezeichnen pflegt. Allerdings hört man gerade diesen oft als besonders gefährlich bezeichnen. Doch beruht diese Ansicht nur auf einer verstärkten Unlust-Empfindung gegenüber dem notwendig tückischen Charakter einer nicht organisierten Feindschaft und auf Unterschätzung des Fortschrittes, der darin liegt, dass das Golus seinen letzten Schimmer von Offizialität bei den Völkern eingebüsst hat. Doch das Golus kann sich im Verfolge der menschlichen Aufwärtsentwicklung noch weiter abwärts entwickeln. Es kann in seiner dritten Periode so zusammenschrumpfen, dass es gar kein materielles Judenelend, ja nicht einmal mehr irgend welche moralische Judennot bedeutet. Es ist dann nichts als ein gewisses Manco der Juden an innerer Harmonie, seelischer Ausgeglichenheit und kultureller Originalität. Angesichts dieser verschiedenen Golus- Möglichkeiten ist es schwer, den Satz aufrechtzuerhalten, dass das Golus der Quell alles Juden- Elends sei. Oder man muss sich logisch erweise dazu verstehen, den Begriff des Judenelends enger zu fassen. Und was ist dann näherliegend, als alle jene Judenleiden, die schon durch die fortschreitende Entwicklung der Dinge allmählich beseitigt werden, aus dem spezifischen Begriffe des Judenelends auszuscheiden und diesen Begriff nur mit jenem Inhalt zu füllen, der eben aus dem geschilderten Minimal-Golus quillt. Die weitere Folge dieses Schlusses ist, dass die vom Zionismus in den Vorderoruiid gestellte „Heimat" o o " eigentlich nur gegen die kulturelle Ausnahmestellung des jüdischen Volkes notwendig ist, dass aber alles materielle und moralische Elend der Juden auch auf anderem Wege behoben werden kann. Doch nicht bloss kann, sondern auch muss. Denn es ist nicht möglich, die Sphäre des Zionismus freiwillig zu erweitern. So schnell man auch die Entfaltung und Reife eines jüdischen Gemeinwesens erhoffen mag*), bis dieses denjenigen Grad von Macht und Nachdruck erreicht, um alle auswärts wohnenden Juden vor Unbill zu schützen, ist diese längst schon auf dem ordentlichen, allgemeinen Entwicklungswege von ihnen genommen. Hieraus ergiebt sich wieder eine Folgerung, und zwar: Der Zionismus darf auf keinen Fall Wege wandeln, die diese mit der allgemeinen Entwicklung parallelgehende *) Hier — wie überhaupt in diesem Artikel — soll zu den bedeutsamen Fragen: Wo? und wann? — gar nicht Stellung genommen werden.