Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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OST^KeSTT ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR MODERNES JUDENTUM. 25 Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von DAVIS TR1ETSCH und LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 6 Juni 1902 II. Jahrg. DIE „LÖSUNGEN" DER JUDENFRAGE. Von Mathias Acher (Wien). Wer sich heutzutage als jüdischer Politiker behaupten will, muss das Schicksal des jüdischen Volkes auf eine Karte setzen. Wer solch eine einfache, willkürliche und ausschliessliche „Lösung" nicht will, weil ihm die Zukunft als eine Reihe verwickelter, mehrfach bedingter, im letzten Grunde unwillkürlicher Entwickelungsthatsachen erscheint, verschafft sich kein Gehör. Niemand glaubt ihm, dass die kleinste Vorahnung solcher Thatsachen viel mehr Kraft der Intuition voraussetzt, als so ein Ziel-Chimborasso, zu dessen Auftürmung nur ein grosses Mass einer gewissen gradlinigen Phantasie notwendig ist. Deswegen will ich auch gar nicht versuchen, als Politiker zu sprechen, aber auch nicht als Theoretiker — hierfür ist der mir hier gebotene Raum zu enge —, sondern einfach als Beobachter. Von denalssolchen angepriesenen „Lösungen" der Judenfrage ist die zionistische die markanteste. Nach dem Zionismus ist die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes, das „Golus", die Quelle alles Judenelends. Darum müssten alle Bemühungen darauf hinzielen, diese Quelle zu verstopfen, den Juden wieder ein Heim zu geben. Der zionistischen verwandt und doch ganz anders gerichtet ist die nationale „Lösung". Der jüdische Nationalismus negiert das Golus und verweist die Juden auf den in ihnen latenten Fond nationaler Kraft, auf politische und wirtschaftliche Organisation unter den gegebenen Verhältnissen. — Mit der nationalen hat die assimilatorische „Lösung" insofern eine Aehnlichkeit, als auch sie das Golus nicht kennt. Inhaltlich aber ist sie der reine Gegensatz zu jener. Die Assimilation erstrebt, wie schon ihr Name besagt, das Aufgehen der Juden ohne nationalen Rest in die anderen Völker. Die sozialistische „Lösung" weiss natürlich auch nichts vom Golus, ist aber andererseits nicht notwendigerweise gegen die jüdische Nationalität gerichtet. Sie verwirklicht sich auf dem Wege der allgemeinen Menschheits-Erlösung. Wenn man diese vier Richtungen, mit einander vergleicht, so findet man, dass nur eine von ihnen den Gedanken der jüdischen Nationalität grundsätzlich verwirft. Gerade diese eine aber ist die am wenigsten prinzipientreue. Die meisten Assimilanten sind mehr oder weniger Gefühlsnationalisten, die sich selber foppen, indem sie der Sache einen anderen Namen geben. Konsequente Assimilanten giebt es verhältnismässig sehr wenige, und diese verkörpern höchstens die Thatsache, dass es Juden giebt, die aufhören wollen, es zu sein. Sie haben aber weder die Macht, ihren Trieb zum allgemeinen Triebe ihres Volkes zu machen, noch bieten sie für jene, die bei ihrem Volke ausharren wollen, irgend einen Vergleichspunkt bezüglich des Wertes ihrer „Lösung" dar. Bleiben also die drei anderen „Lösungen", die man allerdings hinsichtlich ihres Wertes vergleichsweise prüfen kann. Versuchen wir es einmal! Der bedingende Gedanke des Zionismus ist das Golus als Quelle alles Judenelends. Giebt