Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Die Ersten
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 343 - 344 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583896-2585495--01666-2585563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
343 Die Brsten* 344- 6uch trägt die Hhnung über Zelt und Raum Xn eurer Sehnsucht köstliches Gefilde. CClas ihr erschaut, formt ihr zum Zukunftshilde, HU euer Wollen ist ein grosser Craum. Und doch hält euch das Schicksal festgebannt Hn fremde Renschen und an fremdes Land* Hus jedem Strahl trinkt ihr der F>eimat 6lut, Und Reimatsaat glänzt euch aus jedem F>alme, Und jeder Vogelsang wird euch zum psalme, Hus jeder Quelle rauscht des Jordans f lut. Und doch schenkt euch kein eigner ßoden Ruh, Und doch deckt euch nicht euer Rimmel zu, Der Menschheit Reich erscheint zuerst euch dort, Im Ostlicht blinkt die Schärfe eurer Älaffen. Geweihte Handlung wird euch jedes Schaffen, Zum heiligen Symbol wird jedes Wort* Und sieht doch keiner euer priesterkleid, Und weiss doch niemand, was ihr wollt und seid« Ihr Grsten, die ihr euch dem Dienst ergebt: fern eurer Scholle, weit vor euren Zeiten, fcragt ihr der Sehnsucht höchste Bitterkeiten, Ihr träumt das Glück, doch Leid ist, was ihr lebt. Hus F)alm und Quell, aus 6rde, Wind und Strahl, Hus jedem Sehnen wächst euch neue Qual. Berlin* I. Jizchak, ein Junge von elf Jahren, war eben daran, seine Lektion aus dem Talmud herunterzusagen. Er war dabei so oft stecken geblieben, dass es ihm schier wie ein Wunder vorkam, dass der Rebbe nicht böse wurde, ja, dass er ihm sogar immer noch nachhalf. Und dabei war des Lehrers Stimme, wenn er Jizchak anredete, milde und weich, gar nicht wie sonst. Noch mehr aber verwunderte er sich darüber, dass die unausstehliche, zänkische Frau des Lehrers jedesmal, wenn sie durch die Stube ging, einen Augenblick anhielt und mit einem Blick auf ihn seufzend sagte: „Er ist schon müd', der Arme." Endlich sagte der Rebbe zu Jizchak: „Schau, dass Du Deinen Abschnitt ordentlich kannst. Du fährst heute nach Warschau. Dein Vater wird Dich prüfen . . . Beim Klang des Wortes „Vater" fing das Herz des Jungen mächtig zu klopfen an. Seit Mutter und Vater den Scheidebrief gewechselt hatten, war das Wort „Vater" nie über seine Lippen gekommen. Aber die andern Worte: „Fährst heute nach Warschau", machten ihn gleich wieder fröhlich. Er fühlte sich angethan Ihr dürft die unverhüllte Schönheit sehn, Und könnet ihre Rande doch nicht fassen, 6uch zeigt die f reiheit nie geahnte Strassen, Doch einsam müsst ihr eure Stiege gehn Und müsset ringen in der 6insamheit Und einsam leiden euer tiefstes Heid* Und jedes neue Leid wird euch zum Lied Und jedes neue . Lied zu neuem Leiden, Und immer gröss're Sehnsucht quillt aus beiden, Hus jedem Leiden und aus jedem Lied« Hus jedem Schmerze wächst euch neüe Kraftr Die wieder neue Schmerzen aus sich schafft. Ihr Grsten, die ihr euch dem Dienst ergebt, Dies ist die Sendung, die e-ch ward auf Grden: Stets sehnsuchtsvoller muss die Sehnsucht werden^ Stets quälender die Qual, die euch durchbebt. Önd euer Lied in immer beiss'rer 6lut JVIuss es entströmen eurem F)erzensblut. Denn riesengross ist eures Volkes Not, Die grösste J^Tot sein schweigendes Grgeben: Gs beugt den ]Nacken einem Shlavenleben, Raum wehrt es zitternd einen Sklaventod. So riesengross wie eures Volkes Leid JVIuss auch die Sehnsucht sein, die es befreit» mit einem neuen Sabbatgewand, rein und frisch. Er sah den Fuhrmann, Felder und Wälder, dann die Eisenbahn: Es pfeift und man fährt .... Indessen hat er längst vergessen, wo er mit seiner Lektion hält. Der Rebbe sagt es ihm und unternimmt es, ihn zu trösten. „Sei nicht verzagt, Jizchak, in Warschau giebt es gute Lehrer, sehr gute Lehrer. Und der Vater wird schon auf Dich acht geben. — Nun fahr' fort!" . . . Aber der Knabe kann nicht fortsetzen. Die Worte wollen nicht heraus. Sein Herz klopft so merkwürdig. Der Schein der Sonne, der sich breit über die Hälfte des Folianten hinlegt, lockt hinaus in die Gasse. Die Uhr zeigt ein Viertel nach neun. Zum Frühstück geht man erst nach zehn, und die Zeiger schleppen sich entsetzlich träge. „Die Mutter hat mir befohlen, heute früher heim zu. kommen," — stammelnd bringt der Kleine die Lüge heraus. Die Mutter hat ihm eigentlich gar nichts gesagt. Des Morgens, als er aufstand und mit einem raschen Blick entdeckte, dass eine alte Jüdin in der Küche einen Fisch zerhacke, war ihm das ausserordentlich verwunderlich. Doch als er fragte, was das bedeuten Hus tausendjähriger Schmerzen dunklem Scboss Bin Sehnen, das htnauffUegt zu den Sternen, JVIuss euer Volk, das sehnsuchtsmüde, lernen: Xhr müsst ihm Sehnsucht gehen, grenzenlos, Und müsset liehen, lieben euer Heid, Hus dem die Sehnsucht wird, die euer Volk befreit* ßertbold fcxvsfcU ZWISCHEN VATER UND MUTTER. Die Geschichte eines Kindes. Von H. D. Naumberg. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Jüdischen.) Nachdruck verboten.