Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Jüdische Statistik und ihr Wert
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 335 - 336 (sequence 2)
- Language
- German
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■VSo Mathias Acher: Jüdische Statistik und ihr Wert. 336 Diagnose wissenschaftlich exakt gestellt ist, kann inzwischen das ganze Volk zu Grunde gegangen sein." Nun soll nicht bestritten werden, dass die Worte „wissenschaftlich exakte Diagnose" wirklich etwas zu sanguinisch klingen. Vielleicht beschert uns die Zukunft eine so genaue und sichere Statistik, dass sie uns eine ebenso genaue und sichere Erkennung der Krankheit und eine beruhigte Vornahme der Operation ermöglicht. Vorläufig sind wir nicht so weit, namentlich nicht hinsichtlich des jüdischen Volkes. Aber das ändert an der grossen praktischen Bedeutung der Statistik wenig und noch weniger, worauf es hier am meisten ankommt, an dem Irrtum derer, die diese Bedeutung zu verkleinern oder gar zu leugnen suchen. Wenn die Gegner der Statistik diese bei ihren Programmaufstellungen und ihrer Programmthätigkeit nicht zu Rate ziehen wollen, so müssen sie doch unbedingt eine andere Grundlage haben, worauf sie bauen. Allerdings die grosse Menge begnügt sich mit dem Dogma, wie es die Führer und die Parteischriften verkünden. Auch die Nachdenklicheren verlassen sich wohl auf den staatsmännischen Blick der Leitenden und den politischen Instinkt der Geleiteten. Aber sie fühlen dunkel, dass sie damit nur für die Zielsetzung zur Not auskommen, für die Ausführbarkeit der Volks¬ und Führerwünsche jedoch schandenhalber nach einer Begründung aus den Thatsachen Umschau halten müssen. Man nehme die erstbeste Zeitung der erstbesten Partei zur Hand, und man wird dies bestätigt finden. Da wird eine schwere Menge von Thatsachen angeführt, um das System zu stützen. Der einzige Unterschied gegenüber der verhassten statistischen Methode besteht nur darin, dass die Thatsachen ungesichtet und ungeschlichtet, nicht aktenmässig belegt und nicht ziffernmässig bestimmt angeführt werden. Das kann doch aber kein Vorzug sein, sieht vielmehr einem bedeutenden Nachteil ähnlich. Wohl sind auch statistisch erhobene Daten nichts weniger als durchaus verlässlich. Aber kein vernünftiger Mensch, sollte man meinen, wird deshalb das durchaus Un verlässliche vorziehen. Wenn es dennoch so oft geschieht, so wohl nur infolge jenes Nichtbefriedigtseins von der Wissenschaft überhaupt, welches matten, ungeduldigen Geistern eigen ist. Wer sich einmal in solcher Verfassung befindet, den freut es zwar, hie und da auf seinem Wege ein paar trockene Thatsachen aufklauben zu können, um denn doch nicht ganz bar aller Wissenschaft zu erscheinen, er wird sich aber seinem innersten Wesen nach ganz und gar auf den Instinkt, auf die Intuition verlassen. Juden aus einem Dorfe bei Saua'a (Hauptstadt des Yemen). In dieser Ueberschätzung der Intuition liegt der Hauptirrtum der Antistatistiker. Ich will (damit nicht die grosse Bedeutung dieses Elementes für das Entstehen von Bewegungen, Parteien, Programmen herabsetzen. Aber ich wehre mich dagegen, es auf einen falschen Platz zu stellen. Nicht in der Richtung wirkt die politische Intuition, dass sie etwa absolut richtige Voraussagen über Wege und Ziele macht, sondern insofern, als sie Bedürfnisse und Wrünsche der Volksseele aufstöbert. Darüber hinaus äussert sich das politische Genie nur als subjektiv bildneiisches. Ein grosses politisches Ziel ist an sich nichts anderes als persönliches Kunstwerk einer Gemeinschaft, bezw. ihrer Führer, aber keine sichere ZukunftsWahrheit. Wie weit es Wirklichkeit werden kann, hängt erst davon ab, ob das bildnerische Genie auch ein ordentliches Material für seine politische Meisselarbeit gewählt, d. h ob es auch die vorhandenen Kräfte richtig beurteilt hat. Und auch dann erreicht es nur Sicherheit bis zur nächsten Ecke, denn jeder Tag bringt neue Verschiebungen der Verhältnisse und neue Kräfte-Kombinationen. Darum Wünsche und Ziele und die Menschen, die auf sie horchen und sie verfolgen in allen Ehren! Aber Platz auch für Bestrebungen, welche die Wünsche auf ihre Erieichbarkeit prüfen und der Intuition der Massen und ihrer Führer neues, gesichtetes Material geben, aus dem sich möglichst erreichbare Ziele formen lassen. Selbstverständlich gilt nun aber alles, was hier vom Wert der Statistik für Volksbestrebungen gesagt wurde, insbesondere auch von der jüdischen Statistik. Ja, doppelt gilt es für sie, gerade weil die Ziele, die sich die verschiedenen Richtungen im Judentum setzen, so riesenhaft sind und weil es auf der anderen Seite so unsäglich schwer sein wird, genügend und verlässliche Ziffern zusammenzutragen. Wenn ich das heutige Verhältnis zwischen dem nach Erlösung drängenden jüdischen Volke und den Thatsachen, die seine Erlösung bedingen, in einem Bilde darstellen soll, so möchte ich sagen: Da sitzt jemand einem anderen gegenüber, von dem sein Schicksal abhängt, ist bemüht, aber ausser stände, in dem Gesicht des Schweigenden zu lesen, hie und da glaubt er schon die Züge entziffern zu können. Im nächsten Augenblick aber ist wieder alles stumm. Wieder Zweifel, Nichtwissen, Chaos! Warum spricht er nicht, fragt nicht? Vielleicht ist's ihm verboten. Aber ein Volk darf doch in jedem Falle fragen. Muss es! Trägheit und Furcht dürfen ihm nicht die Zunge binden. Es giebt ja kein anderes Auskunftsmittel als Fragen — Statistik. Jude aus Raliün bei Musvar (Nordwest-Yemen).