Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 1)
- Language
- German
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323 324 DIE ANFAENGE DES JUEDISCHEN KAPITALISMUS. Von Dr. Franz Oppenheimer. Die Juden sind durchaus, nicht immer ein Handelsvolk gewesen. Im Gegenteil! Die erste Epoche ihrer Geschichte, wie sie uns in der Bibel und den gleichzeitigen Zeugnissen der orientalischen Quellen überliefert ist, zeigt sie als einen dem Handel und dem Gewerbe wenig zugewandten wandernden Hirtenstamm. Ihr Handelsgeist ist ganz und gar ein Ergebnis ihrer Geschichte. Das wird uns die Betrachtung auf das deutlichste ergeben Ein typischer wandernder Stamm von Viehzüchtern, als solcher erscheint uns Israel von Abraham bis herab auf Moses, bis er mit der Eroberung Kanaans zur Sesshaftigkeit kommt. Die Herden sind sein Reichtum, der Ackerbau spielt nur eine Nebenrolle: wie die Germanen in schnell geritzte Furchen in der Nähe ihrer Sommerweideplätze den Hafer streuten, um ihn zu ernten und auszustampfen, ehe sie in die Wintenveiden weiterzogen: wie noch heute die nomadisierenden Tataren auf gleiche Weise karge Ernten des nach ihnen benannten Tatarenkorns, Buchweizen, erzielen, so werden auch die Patriarchen und ihre Erben eine schnellwüchsige Getreidefrucht geerntet haben, und gewiss waren es auch hier nur die Sklaven und "Weiber, die diese als untergeordnet betrachtete Beschäftigung betrieben. Wenn Misswachs und Teurung eintraten, vielleicht auch zu einem kleineren Teile schon in dem gewöhnlichen Lauf der Dinge, musste Korn zugekauft werden. Gezahlt wurde mittelbar oder unmittelbar mit Vieh und Viehprodukten. Unmittelbar durch Austausch mit den Ackerbauern kanaanitischen Blutes, zwischen denen die Patriarchen ihre Herden weideten, und unmittelbar durch Hergabe anderer Wertstücke, die sie für ihre Erzeugnisse ausgetauscht oder erbeutet hatten. Denn diese Hirten waren, wie alle Nomaden, reisige Krieger und kühne Räuber: Räuber, Haramy, ist noch heute der Ehrentitel der schweifenden Beduinen, und Räuber hört sich der junge Kosak am liebsten nennen. Handel und Raub sind im Anfang der Kulturgeschichte ein legitimes Brüderpaar. Jedermanns Hand war gegen Jedermann; und, wo der „Frieden" nicht ausdrücklich geboten und angenommen war, war Raub ehrlicher Erwerb. Dass auch die alten Israeliten diese Beduinenmoral hatten, dafür liegen Zeugnisse genug vor, die ich vor so bibelkundigen Lesern nicht anzuführen brauche; immer wird die Beute der Fehden mit Begeisterung aufgezählt. Und aus dieser Beute mag wohl ein Teil der .Gold- und Silberschätze gestammt haben, die der Sage nach Abraham schon besass, die silbernen Münzen, mit denen er sein Erbbegräbnis erstand, die Schätze, die der Brautwerber Elieser zu den Verwandten in Haran trug, und die Summen, die Joseph/s Hrüder in der Teurung nach Egypten führten, um Korn zu kaufen. Ein anderer Teil aber stammt sicher aus dem Handel; denn so abgeneigt der Hirt im allgemeinen dem Gewerbe ist, das er mit seltener Ausnahme als knechtisch verachtet; so geneigt ist er dem Handel, der, wie Grosse sagt, seiner lässigen Natur genehm ist. So gaben denn auch die Israeliten Vieh- und Viehprodukte: Häute, Hörner, Käse, gewiss auch kriegsgefangene Sklaven und vielleicht auch Erzeugnisse des Hausfleisses ihres Harems in den Handel; sind doch noch heute die Knüpf- und Flechtarbeiten der Nomadenfrauen Asiens in aller Welt berühmt. Und ausser Korn tauschten sie dafür aus, was ein kindliches Herz lockt. An dem Angebot konnte es nicht fehlen, denn zwischen drei mächtigen Kulturreichen eingekeilt, trieben sie auf engem Gebiete ihre Herden, zwischen Aegypten, Mesopotamien und Phöniziern Hier hatten überall schon Gewerbe und Handel eine hohe Stufe erklommen, als die Juden noch überwiegend Hirten waren; und Karawanen durchschnitten oder streiften wenigstens ihre Weidegründe, die alles führten, was des Menschen Begehr: eiserne Walten, köstlichen Schmuck, Gold, Edelsteine und Perlen, feine Gewebe und köstliche Kleider, Balsame und Weihrauch, Zaubermittel und Elfenbein. So kam das Volk zur Sesshaftigkeit im gelobten Lande. Und nun begann auch hier jene wirtschaftliche und politische Differenzierung, jene Klassenbildung, die alle Staaten der alten Welt zersetzt und schliesslich als solche vernichtet hat; sie ging aus mittelbar von der Institution der Sklaverei und unmittelbar vom Landbesitz. Wo nämlich ein Nomadenvolk irgend höherer Stufe zur Sesshaftigkeit gelangt, da ist es regelmässig schon in drei Klassen geschieden. Des „Fürsten der Stammhäuser", um biblisch zu reden, die Häupter der grossen alten Stämme