Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Ein jüdischer Diplomat
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 321 - 322 (sequence 1)
- Language
- German
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321: 322 EIN JUEDISCHER DIPLOMAT. Von Dr. M. Kayserling- (Budapest). Vor einigen Wochen ging die Notiz durch die Presse, dass Oscar S. Straus in New-York an die Stelle des verstorbenen früheren Präsidenten Benjamin Harrison zum Mitglied des internationalen Friedensgerichtshofes im Haag ernannt wurde. Es ist das der erste Jude, dem diese Auszeichnung zuteil geworden ist. Oscar S. Straus, als Diplomat nicht weniger wie als Schriftsteller, als hingebungsvoller Sohn seines grossen, freien Vaterlandes wie als treuer Jude auch diesseits des Ozeans bekannt, ist seiner Geburt nach ein Deutscher. In Otterberg, einem Städtchen in der bayerischen Pfalz, erblickte er am 23. Dezember 1850 das Licht der Welt. Er war kaum vier Jahre alt, als sich sein Vater, Lazarus Straus, ein gebildeter freiheitsliebender Mann, entschloss, mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern; in Talbotton, Georgia, liess er sich nieder. In diesem Orte, der nicht mehr als tausend Einwohner zählte, genoss Oscar den ersten Schulunterricht. Nach Beendigung des Bürgerkrieges siedelte sich Lazarus Straus in New-York an und fand auch alsbald einen seinen bedeutenden kaufmännischenFähigkeiten entsprechenden Wirkungskreis: er eröffnete ein Warenhaus, das er durch seinen Fleiss und seine Umsicht schnell zur Blüte brachte. Oscar widmete sich dem Rechtsstudium und wurde an der Universität Columbia 1873 zum Doctor juris promoviert. Er widmete sich zuerst dem Advokatenstande, trat aber bald in das Porzellanwarengeschärt seines Vaters, welches unter der renommierten Firma L. Straus & Sons in New-York besteht. Der vielbeschäftigte Kaufmann fand auch immer Zeit, sich den Wissenschaften zu widmen und eine politischpatriotische Thätigkeit zu entfalten. Ganz ohne sein Dazuthun wurde er im Jahre 1887 vom Präsidenten Cleveland zum Gesandten der Vereinigten Staaten bei der Pforte ernannt; er blieb auf seinem Posten auf besonderen Wunsch des Präsidenten Harrison bis im August 1890. Sieben Jahre später kehrte er auf Drängen MacKinley's wieder als Gesandter nach Konstantinopel zurück. Mehr als irgend einer seiner Gesandschaftskollegen vermochte er bei dem Sultan durchzusetzen, so dass derselbe ihn mit grossem Bedauern im Dezember 1900 von seinem Posten scheiden sah. Nach New-York zurückgekehrt, nahm er seine ausgebreitete Thätigkeit als Kaufmann und Fabrikant sowie seine wissenschaftliche Beschäftigung wieder auf. Oscar Straus, der Diplomat, der Besitzer einer in New-York bekannten, besonders an Amerikana reichen Bibliothek, ist auch ein namhafter Schriftsteller. Im Jahre 1887 erschien sein erstes grösseres Werk „Die Ursache der republikanischen Regierungsform in den Vereinigten Staaten Amerikas", das durch die umfassenden Studien, auf denen es beruht, durch die Neuheit der Gedanken und die Schärfe der Logik allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Von diesem Buche erschien 1890 eine französische Uebersetzung mit einer umfassenden Vorrede des berühmten Nationalökonomen Emil de Laveleye und vor einigen Jahren eine neue englische Auflage. Einen noch weit grösseren Erfolg als mit diesem Werk erzielte er mit „Roger Williams, der Vorkämpfer der Glaubens- und Gewissensfreiheit." Es ist dies die erste ausführliche und gründliche Biographie jenes Amerikaners, der dem Grundsatze „freie Kirche im freien Staate" in der von ihm gegründeten Kolonie zuerst Geltung verschaffte. Diesem Werke, das eine so günstige Aufnahme fand, dass die ganze Auflage nach wenigen Monaten vergriffen war, folgte 1896 die Schrift „Religionsfreiheit in den Vereinigten Staaten." Er ist Mitarbeiter verschiedener Journale und Revuen, in „The Century" veröffentlichte er eine vortreffliche Monographie über Moritz v. Hirsch, mit dem er von Konstantinopel her innig befreundet war. Ein festes Band inniger Freundschaft verknüpfte ihn und seine Gattin mit der verstorbenen Klara v. Hirsch bis zu deren Hinscheiden. Oscar S. Straus wurden mehrfache Auszeichnungen zuteil. Mehrere Universitäten, wie die von Washington und Pennsylvanien, verliehen ihm das Diplom eines Doktors der Philosophie. Er ist Präsident der vor zehn Jahren von ihm ins Leben gerufenen „Amerikanisch-jüdischhistorischen Gesellschaft", sowie der Amerikanisch sozial - wissenschaftlichen Vereinigung und erst vor wenigen Wochen wählte ihn das Schiedsgericht, das sich in New-York gebildet hat, um Streitigkeiten zwischen Fabrikanten und Arbeitern zu schlichten, zu seinem Präsidenten. Es giebt überhaupt keine öffentliche Angelegenheit von nationaler Bedeutung, an der Straus nicht den regsten Anteil nimmt.