Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Der jüdische Mai
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Morris Rosenfeld: Der jüdische Mai. 320 Ihn umschwebt Kein holder Zauber, Es erbebt Sein Herz vor Qual, Und es glänzt kein Hoffnungsstrahl Aus dem Blick. Schwere, nie vernarbte Wunden Sind die Zeugen böser Stunden. Wohin die Gedanken reichen, Tod und Sterben, Leichen. Leichen — —, Alte Jugend, todtes Glück . . . Zweig und Dorn und Blatt und Blüte Treiben mit ihm bösen Spass, Jede Blume blickt verächtlich, Jeder Vogel ruft voll Hass: Frühlingslust und Frühlingsfreude — Doch für ihn ist nichts dabei! Fremde Vögel, fremde Götter, Fremde Welt — ein fremder Mai . . . * * * Lacht nicht, Blumen, nur nicht spotten! Die ihr glüht vom Frühlingskuss, Glaubt, viel schönere zertreten Hat einmal des Juden Fuss . . . Felder goldner Pomeranzen Glänzten einst in seinem Land, Seine wunderschönen Pflanzen Pflanzte Gott mit eig'ner Hand. Fragt vom Libanon die Ceclern, Sarons Myrthen fragt im Thal, Ob sie ihn nicht noch erkennen, Der ihr Herrscher war einmal. Fragt den schönen heil'gen Oelberg, Fragt den Karmel, jeden Baum, Fraget all die tote Schönheit Nach dem schönen alten Traum . . . Würz'ge Paradieseslüfte Wehten einst durch's heilige Land, Und in seinem stolzen Tempel Hat sein Gott sich ihm bekannt. Tausend sel'ge Engel spielten In dem göttlichen Gezelt, Und er fühlte tausend Freuden, Freuden einer andern Welt. Dort beim schönsten Saitenspiele Sang der Jude wunderviele, Sang er wunderreiche Lieder, Wie sie nie erklingen wieder In so reinem, hellem Sange, Mit so zaubersüssem Klange — — — Ach, an stumme Weidenbäume Hängte Juda seine Träume . . . * * * Längst vorbei! — Doch sieh, welch' Wunder! Neue Träume zieh'n herbei: Hörst Du, Jude? „Glück und Frieden!'' Ruft Dir zu ein neuer Mai. Wein1 nicht! Bist noch nicht verloren, Wegemüder Wand'rer Du, Neue Jahre, gute Jahre Winken Dir, mein Jude, zu! Hörst Du, wie's durch Wolken zieht? Himmlisch-schöne Melodien, Süsse Cherubsharmonien, Hörst Du es, das neue Lied? Wieder wird Dein Esrog grünen, Deine Myrthen werden blühn, Wieder wird Dein Land erwachen, Und Dein Gott, er bringt Dich hin. Wieder klingen Hirtenlieder, Und Dein Weinberg dehnt sich weit, Leben wirst Du, leben wieder, Fort in alle Ewigkeit. Nach den bösen Wandertagen Wird das Leben Dir zur Lust, Unter'm stillen Berg Moria Atmet frei die Heldenbrust . . . Und beschlossen ist das Elend Und geendet Leid und Qual, Wirst in Deinem Heim verbleiben, Frei und friedlich wie einmal. Auf, betritt nur kühn die Pfade In Dein altes Heimatland! Manch ein Feuerfunke glüht noch In der eingefahren Wand.