Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Der jüdische Mai [Illustration]
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 317 - 318 (sequence 1)
- Language
- German
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E. M. LILIEN. DER JUEDISCHE MAL DER JUEDISCHE MAL (Aus dem Jüdischen dos Morris Rosenfeld übersetzt von Berthold Fehvel.) Wieder ist der Mai gekommen, Kam mit seiner Zauberpracht — Alle Gräser, alle Blumen Sind nun wieder aufgewacht. Wieder blüht es auf den Feldern, Wieder grünt es in den Wäldern, Wieder glänzt es überall, Wieder singt die Nachtigall. Wieder malt der Maler Frühling. Wie er seinen Pinsel führt, Werden Berge, werden Thäler Neu mit jungem Grün geziert. Und die Sonne strahlt hernieder, Küsst die Erde, küsst sie wieder, Und mit süssen Schmeichelei'n Lädt sie zum Geniessen ein. Wie's da gleich in allen Herzen Frühling werden will! Wunderschöne Phantasien Ziehen durch die Seelen still. Gold'ne Träume schweben Und sie weben Neue Himmel, Und sie wecken Neues lieben, Und mit gabenfrohen Händen Tausendfache Lust zu spenden, Ivommt das Glück . . . Aber seht, dort wandelt einer: Mitten durch die Maienlust Geht er still, gesenkten Hauptes, Und er seufzt aus tiefster Brust. Einsam geht er, schmerzverloren, Leidensmatt und lebensmüd — All sein Mai und all sein Frühling Sind schon längst, schon längst verblüht Sagt mir, kennt Ihr jenen Kranken? Frühling ist's, es blüht und sprüht, Doch die traurigsten Gedanken Stürmen wild durch sein Gemüt. Wer das ist, Ihr wisst es gut: Unser Alter, unser Jucl' . . .