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Ost und West · 1902-05-01 · Heft 5 (Mai 1902) · p. Seite 315 - 316

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 5 (Mai 1902)
Article
Die Ausländerfrage in Deutschland
Date
1902-05-01
Page
Seite 315 - 316 (sequence 6)
Language
German
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315 Fabiiis Schach: Die Ausläiiderfrage in Deutschland. 316 Millionen für die Hochschulen zuschiessen muss und dass er den Ausländern gegenüber im gesetzlichen Sinne dazu nicht verpflichtet ist. Auch dass man In- und Ausländer getrennt immatrikuliert, ist unter Umständen begreiflich. Ungerecht dagegen scheint es mir, dass man, wie z. R in Charlottenburg, von den russischen Studenten nicht allein ein Zeugnis der Reife verlangt, sondern auch noch den Nachweis, dass sie bereits in Kussland auf eine Hochschule aufgenommen wurden. Dieser Beweis ist für die russischen Studenten, soweit sie Juden sind, gar nicht zu erbringen. Denn in der Heimat werden sie eben wegen ihrer Religion nur sehr selten aufgenommen, und diejenigen, welche so glücklich waren, aufgenommen zu werden, gehen natürlich nicht nach Deutschland. Aber auch diese Härte hat noch irgend einen Sinn, und selbst wTenn man Ausländer grundsätzlich ausschliessen würde, so wäre das grausam aber — wenigstens ehrlich gehandelt. Ein schreiendes Unrecht dagegen ist es, wenn man die ausländischen Studenten aufnimmt und sie nachher als Studenten zweiter Klasse behandelt. Hat man einmal einen Studierenden immatrikuliert, dann ist er kein Gast mehr, sondern ein vollberechtigter civis academicus. In Karlsruhe, der Residenz des liberalsten deutschen Staates, sind die jüdischen Ausländer an der technischen Hochschule seit einigen Monaten einfach rechtlos. Ohne Schein von Recht erhalten sie Verweise, und wagen sie zu protestieren* dann werden sie relegiert. Der gegenwärtige Rektor behandelt sie wie Tertianer und bei jeder Gelegenheit werden sie daran erinnert, dass sie nur Gäste sind. „Osteuropäischer Jude" scheint für diesen Gelehrten den Inbegriff allen Abscheus zu bilden. Wie dies mit der Freiheit der deutschen Hochschule vereinbar ist, das kann ich nicht ergründen. Und diese Widersprüche! Derselbe Herr Rektor hielt auf dem Kaiserkommers eine Rede, in der er jede. Einschränkung, der. Ausländer zurückwies unter der Begründung, dass es ein Ruhm der deutschen Hochschule sei, eine Pflanzstätte des Wissens für die ganze Welt zu sein. Welche Kluft zwischen Theorie und Praxis! Es scheint sich jetzt überall das System einzubürgern, den liberalen Schein aufrecht zu erhalten und an den Gesetzen nichts zu ändern, wohl aber durch administrative Massregeln das Gesetz illusorisch zu machen. Ein solches Verfahren aber entspricht nicht der Würde der deutschen Hochschulen. Ich habe schon gesagt, .dass wir Pflichten gegen die jüdischen Brüder des Ostens haben. Wir haben umsomehr heilige Pflichten gegen diejenigen jüdischen jungen Leute, die mit einem glühenden Idealismus, mit einem Wissensdrang, einer gewaltigen Energie und einer beispiellosen Anspruchslosigkeit zu uns kommen und nichts verlangen, als die Möglichkeit, ihre Berufsstudien o ' zu vollenden, da ihnen ihr stiefmütterliches Vaterland diese Gelegenheit raubt. Sie verdienen unsere Sympathie und unsere Hilfe im höchsten Grade und — sie bedürfen ihrer dringend. Denn geht es so weiter, dann wird nach zwei Jahren kein russisch-jüdischer Student mehr auf eine deutsche Hochschule aufgenommen, und diese verfehlten Existenzen bilden dann ein fürchterliches geistiges Proletariat. Es wäre eine würdige Aufgabe der jüdischen Organisationen grossen Stils, für diese Studenten einzutreten und ihnen den Weg zu den technischen Studien zu erleichtern. Es wäre dieses ein Werk, das uns als Juden und als Menschen zur Ehre gereichen würde. Und mit Energie ist auch hier etwas zu erlangen. Vor allem muss die Oeffentlichkeit über diese Frage aufgeklärt werden. Es muss eine gesetzliche Regelung angestrebt, und dafür gesorgt werden, dass diese Anordnungen dann auch zur Wirklichkeit werden. Der jetzige Zustand ist unerträglich und vor allem unsicher. W. WACH TEL.

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