Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Jozef Israels
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 291 - 292 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583896-2585474--01604-2585537- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
291 Dr. G. Kutna: Jozef Israels. 292 haucht, und Herz ist ringsum und Traulichkeit und stiller, reiner, heiliger Friede. Und so eingehüllt ist alles von linder Luft und Sonnenhauch, und ein sanftes Spiel ist darum, als flüstern die Dinge von Liebe. Und kaum zu flüstern wagen sie, weil nur das Schweigen tief genug ist, und nur das Schweigen still genug, um solch geheimnistiefe Schönheit zu offenbaren und ein Herz zu verraten, das so warm und so segnend dies alles geschaut. Und das ist alles arm an Farbenreizen und so reich an Ton. Es ist wie ein Märchen, so vertrauend, so lächelnd, so duftig und sangesschön. Nur reicher wie ein Märchen, weil es Wahrheit ist; es ist Wirklichkeit, aber die Wirklichkeit war zu schön geworden und sie verklärte sich zum Märchen. Nicht zu einem Märchen, in dem es Throne giebt, goldene Hallen, schöne Frauen und Perlengeschmeide, nein, zu einem Märchen, in dem Barfüssle im Grase sitzt und Blumen pflückt; und dann kommt eine Fee, und die hat so schönes goldenes Haar und schimmernde Kleider, und Barfüssle sieht auf sein zerrissenes Röckchen und beginnt zu weinen. Und dann kommen die klei: nen Vögelchen zu ihm und zwitschern und erzählen ihm, dass es schöner sei als alle Feen, und die Blumen schöner seien als alle Feenkleider. Und dann fängt es an zu lächeln, und die Augen, die glänzen ihm, und der Tau ist da, auf den Blumen, auf dem RöckcheD, auf den braunen Locken; und die Sonne scheint herunter. Und da ist Barfüssle mit einem Male eine Fee und die schönste von allen. Diese Wahrheit des Märchens1, die Poesie der Wirklichkeit ist das Wunderbare, was uns so tief befriedigt und so leidlos erhebt. Man hat uns ja Märchen ererzählt und gesungen, schöne, edle, sonnige Märchen. Und wir haben geglaubt, den Märchen und der Stunde, die sie geweiht. Doch diese Märchen waren nicht unserer Erde entsprossen, sie waren nicht der Wirklichkeit Blüte. Sie waren der Sehnsucht entsprungen, die hinausstrebte aus unserem Gehege, Ausschau zu halten nach anderen Welten. So waren sie schön und flügelbeschwingt wie die Sehnsucht, aber beschwingt, um leicht zu entschweben; es fehlte ihnen die Schwere und die Kraft des Wirklichen. Und kam dann das Leben"mit seinem Druck und Drang und der Strenge seiner Notwendigkeit, dann war das Märchen verweht und seine flüchtige Stunde. Nur die Sehnsucht war JAN VLTH. Jozef geblieben. Wohl war die Sehnsucht noch schön und Gewinn, aber sie that weh. Dann schaute man das Neue: dass die Schönheit und der Adel und der Gesang nicht aus der Ferne ins Leben gelockt sind, sondern dass es die Wirklichkeit selbst ist, die sie webt; dass der Traum schön, doch das Leben schöner als der Traum. Es war nicht einer, der dies gesehen, es waren viele, aus denen heraus die Erkenntnis sich aufgegipfelt; denn dies ist die grösste Entdeckung, die je gemacht worden, und eine, die immer von neuem gemacht werden muss. Die Psalmdichter waren solche, die dies gesehen, und Goethe war einer, und Rembrandt und Emerson und Israels. Er sucht nicht nach Sternen und Höhen, um das freudige Ja dem Leben zu erwidern, er taucht den Menschen, und was ihn berührt, in jene Tiefen seiner selbst, wo alles Wesen Trost ist. Israels Schönheit hat nichts mit Glanz zu thun, alle laüte, selbstfreudige Farbe, aller Trompetenklang ist ihm fern; dazu hat er zu viel Religion und zu wenig Heidentum. Seine Schönheit ist die innen leuchtende und aussen widerstrahlende. Neben Rembrandt — dem Radierer besonders — und Dürer, wäre nur noch Millet zu nennen, wo so viel Schönheit geschaffen wurde mit so wenig Heidentum. „IsraeTs Malerei ist ein Farbe gewordenes Gedicht, ein schlichtes Volkslied, kindlich, im biblischen Sinne Empfindung und nochmals Nach einem Gemälde. Israels. alles Gemüt, einfaltig; Gemüt." Da sitzt ein alter Mann in der Stube, allein und arm; hager und runzelig und zitternd sitzt er im Stuhle und stopft sich sein Pfeifchen, und der Hund blickt zu ihm auf. Darin ist eine Fülle von Gedichten. Der Mann und das Alter, der Hund und der Blick und die Treue und die Stille und der Frieden, die Sonne und der Lichtton, das ist alles zum Singen in lauschiger, friedvoller Stunde. Wieder eine alte räucherige Stube, darin ein Herd, ein kleines, winterlich angehauchtes Fenster, daraus dämmriger Schein hereinfällt. Im Zimmer dürftig Gerät, ein Tisch, ein Korb, ein Kessel und Qualm. Und darin sitzt eine alte Frau, ärmlich wie die Stube. Das Zimmer ist allein und sie allein im Zimmer. Die Welt fern, Leben und Jugend weit-weg, die Sonne verhüllt vom Winternebel. So sitzt sie da in dieser entlegenen Einsamkeit. Die Söhne sind draussen im Kahn, in