Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 273 - 274

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Rembrandt: "Moses zertrümmert die Gesetzestafeln"
Date
1902-04-01
Page
Seite 273 - 274 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583895-2585366--01574-2585440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

273 274 MISCELLEN. Rembrandt: „Moses zertrümmert die Gesetzestafeln44 (1659), Berliner Museum. „Und als er sich dem Lager näherte, sah er das Kalb und die Reigentänze, da brannte sein Zorn auf, und zerschmetterte die Tafein unten am Berge." So heisst es in der Bibel. Wollte man sich die Szene in bildlicher Wirklichkeit vorführen, dann Hesse man sich das biblische Pathos entstehen, man umkleidete sie mit flammender Wucht. Höhe und Tiefe und dazwischen der Held. Leuchtend von Sonne und Gottesnähe, umspielt von Bergesluft und heiligem Gesang. Alles Leben athmet verhalten, die Natur bebend stille. So steigt Moses vom Berge, des Gottes voll, den er geschaut, — der Erde zu. Er kommt tiefer und näher, und dann sieht er das dort unten. DasAntlitz glutet plötzlich in anderer Färbung, die Augen sprühen Flammen und Gericht, die Sehnen recken sich, es kracht unten am Gestein, und der bacchische Taumel verstummt. So wäre das etwa mit Cornelius gesehen. Anders Rembrandt, der Seelenergründer, der Shakespeare der Malerei. Hinten in einfach grosser Linie der Berg, und davor steht Moses. Ein ungehöht edles Gesicht, mehr gütig als stark, mehr bescheiden als gross, mehr Herz alsKopf. Jetzt ist dies Herz Trauer, das Antlitz nur Wehe, und die Hände zu schwach, den Zornwurf zu thun. Nichts vom Donnerer spricht aus der Gestalt, kein zwingendes Wollen, nur edle Menschlichkeit und Wärme, Liebe. Und das genügt ihm für den religiösen Helden. Was grosse Männer gross macht, ist nicht ihr Geist und ihr Wollen, es ist ihr Herz; so denkt Rembrandt. Dadurch werden sie die Lehrer, die Schaffenden, Gestaltenden. Aber die Schaffenden schaffen nicht für sich, sie brauchen eine Menschheit, für die sie es thun; und schaffen sie aus Herz, dann brauchen sie diese noch mehr. Aber das Volk tanzt um das Kalb, und wer ihnen die Tafeln bringen will, zerschmettert sie dann und muss sie zerschmettern. Das thut er im Zorn, in einem grossen, richtenden, heiligen Zorn. Das hat Rembrandt wohl gewusst. Aber das wissen auch andere, Rembrandt fragt tiefer. Er zerschmettert sie, Rembrandt. Moses zertrümmert ja, und er zürnt. Aber er wollte sie ihnen doch bringen und er hat doch eben erst für sie gehofft, gebetet und geweint. Und er muss sie doch bringen, er kann ja nicht anders, das ist doch sein Leben, sein Atmen, sein Sein, denn er ist doch der Schaffende und — Liebe. So gesehen, ist der Zorn nicht mehr der Wesensgehalt des Vorgangs. Die Adern schwellen, die Pulse kochen, aber das ist Oberfläche. Drinnen, tiefer, wie ist's da? Da ist's anders. Der Muskelapparat zürnt, aber der Heros — weint. Und den Heros wollte Rembrandt malen. K. Dierick (Dirk) Bouts (um 1400-1475)): „Feier des Passahfestes% Berliner Museum. Van Eyck'sch er Kunstgeist, in Uebermittelung Rogers van der Weyden spricht aus dem Bilde. Ein Träger dieses Kunstgeistes, dessen Tradition in der niederländischen Kunst das Gepräge bestimmt, spiegelt Bouts Intimität mit LRealismus, Beschaulichkeit und Farbenfreude wieder. Man will jetzt die Natur darstellen, die Wirklichkeit, und man hat noch nicht gelernt, das Träumen zu vergessen. So entstehen jene traulichen Erzählungen, in denen uns Kindeseinfalt und Wahrheitsdrang in friedlichem Gegenspiel so gläubig schön anmuten. Und dieselbe Hand, dieMarter- und Hinrichtungsszenen der Darstellung intimster Kunstverlag Phönix, Berlin. die Gesetzestafeln. malt, versteht es, sich in Stimmung zu bethätigen. Das „Passah", ein Werk solchen Charakters, ist ein Teil der Innenseiten des Löwener Altarwerkes, das Speisungen nach biblischen Erzählungen darstellt. Das Mittelbild des Triptychons, ein Abendmahl, ist noch an seiner ursprüngliche Stelle in Löwen, zwei Flügelteile, „Abraham und Melchisedek" und „Mannahlese" befinden sich in München, und „Elias in der Wüste" neben dem „Passahu in Berlin. Die Mitglieder der Familie stehen um den Tisch, der Hausherr zerschneidet das Lämmchen, davon werden sie nun essen, und dann werden diese holländischen Juden hinausziehen aus — Aegypten. Die Anachronismen in der Kleidung, dem Charakter, dem Interieur, dem Gerät sind so naiv gläubig gemalt, dass man nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.