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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 227 - 228

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Grundakkorde jungjüdischer Kunst
Date
1902-04-01
Page
Seite 227 - 228 (sequence 1)
Language
German
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228 GRUNDAKKORDE JUNOJÜDISCHER KUNST. (Nach einer Ansprache zur Einführungin den jüdischen Kunstabend des Vereins jüdischer Studenten am 26. Februar 1902.) Von Dr. med. Theodor Zlocisti. Es ist ein stilles Gelände, in das ich »Sie heute führen will. Fernab liegt es von den breiten Strassen, auf denen die Menge flutet. Auf engen Pfaden müssen wir dorthin, durch Dickicht und Felsgeklüft; und noch sehen wir die Fussspuren der Vielzuwenigen, die sich den schmalen Steig geschlagen. Die Unrast der Tage verhallt in der Einsamkeit des Weges. Alte Erinnerungen schwingen sich empor und breiten sich wie ein duftiger Schleier um unser Auge. Und das ist gut. Denn arm ist das Land. Da ragen keine Föhren empor in die Luft und grüssen den Himmel. Da locken keine Felder, in denen die Kraft der ewig spendenden Erde im Winde wogt und winkt. Da leuchtet nicht die Mittagssonne über eilende Ströme und über den buntblumigen Wiesenteppich. Freie Menschen wandeln dort nicht. Und kein tolles Lachen jauchzt dort in schattigen Wäldern . , . — In unserm Gelände ... da lacht es nicht. Ringsum ernste Morgendämmerung und Stille und Andacht. Es ist, als ob die Erde den Atem anhielte und aufringende Seufzer niederzwänge. Aus dem jungen Grün hebt nur hier und dort ein Blümchen sein Blütenhaupt in die Luft. Scheu und fragend: Darf ich denn leben? Verschlafen liegt ein Hächlein, und graue Wolken spiegeln sich in seiner ruhigen Unschuld. Nur vereinzelt ein Mensch. Aber viele Träume, alte schwere, von wogenden Feldern und lachender Jugend, die einst in diesem Reich der Stille wuchs, huschen über das Gefilde. . — Wie ärmlich immer das Land scheine, wir machen es zu einem reichen. Denn den Reichtum unserer Seele tragen wir hinein. Wie dürftig und kahl, wir sehen es mit den Augen der Liebe und umglänzen es mit verklärendem Hoffnungsschein. Ist doch alle Schönheit der Welt nur ein Geschenk des Menschen. Und aller Duft und aller Wonnezauber nur ein Reflex unserer Seele. So mögen denn die Neunmalweisen, welche die Objektivität der Werte vom Allschöpfer gepachtet haben wollen, unser Traumland noch eine Wüste nennen. Uns ist es mehr! Weil wir eben mehr sind. Die jüdische Kunst aber kann nur das sein, was wir selbst sind. Hermann Grimm sagte einmal, die Dichtung sei die wahre Geschichtsquelle. Wie heftig dieses Wort auch befehdet wurde, für die Exilsgeschichte unseres Volkes trifft es zu. Hei der Gleichförmigkeit der äusseren, ihrem Wesen nach passiven Geschichte erschliesst uns die Poesie einen freien Einblick in die jeweiligen Seelenzustände unserer Ahnen. Wir sehen, wie ein gleiches Leid in wechselnder Zeit so verschieden packt und so mannigfache differenzierte Wirkungen auslöst — Stolz oder Zerknirschung. Aber immer verschmelzen die ewigen Hoffnungen unseres Volkes die Zerrissenheit des Herzens zu festerer Einheit und Grösse. Es war eine echte Poesie, die aus dem Volke kam und wieder zum Volke ging. Zeigte sich doch allzeit reiner und unverhüllter bei uns Juden, dass der Künstler nur die Konzentration der Volkskräfte darstellt, dass in seiner Seele die Mannigfaltigkeit aller Strebungen und Triebe, alle Sehnsucht und alle Bangheit zusammengezogen ist, und dass die eingeborene und gewordene Stammesart ungetrübt und in allen Wesenheiten gesteigert und abgerundet innewohnt — er reagiert am schnellsten und subtil auf alle Einwirkungen von aussen. Der schaffende Künstler ist die schaffende Volksseele. Und was der Künstler ist, das blieb er den Volksgenossen schuldig. In seinen Schöpfungen aber trägt er diese Schuld am Volke ab. — So ist alle wahre Kunst national in ihrem Ursprüng und national nach ihrer eindringlichsten Wirkung. National sind die Lieder unserer Dichter. Doch kalt und fahl mussten alle künstlerischen Versuche sein, die der äusseren Verzierung der mosaischen Konfession — dieser Erfindung des 19. Jahrhunderts — galten. Der Gegensatz der glaubenstiefen und hoffnungsstarken Lieder einer Halevi und der Piutimsänger zu dem blassen und phthisischen Gelall moderner Gebetbuchreimlinge springt nicht aus der Befähigungsdifferenz allein. Jene waren das tönende Echo der Klagerufe und Gebete, die leis auf aller Juden Lippen lebten. Diese aber wollten unsere Volksseele verdecken, vergraben. Wie konnte in diesen Eisesgrüften, nur gut um Totes zu konservieren, jüdische Kunst erblühen?, wo nicht mehr der ganze Mensch in all seinen Regungen, all seinen Wünschen und seelischen Bedürfnissen ganz im Judentum wurzelte und wie ein Blümchen in die Lüfte sann.

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