Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ösTrWesr V ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR MODERNES JUDENTUM. 25 Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von DAVIS TRIETSCH und LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 4 April 1902 II. Jahrg. DIE ERSTE PESSACH-NACHT. Aus dem Jüdischen des Sch. Rosenfeld übersetzt von Berthold Feiwel Der Seder ist vorüber. Pessach-Nacht. Oben in der Stube schlafen sie schon längst. Das Licht auf meinem Nachttisch ist erloschen. Eine geraume Zeit ist es wohl her, dass die Uhr die dritte Stunde geschlagen hat. Auf der Strasse ist der Widerhall der Schritte erstorben. Und noch bin ich wach. Hundert schwere Gedanken halten mich gefangen, und unsagbar schmerzliche Gefühle lasten mir auf der Seele. Mein alter Wirt im weissen Sterbekittel, die tote Hagada mit ihren alten, alten Fragen und den verkehrten und ungereimten Antworten, diese Midraschim und Piutim, die unbeholfenen Verse — an das alles muss ich denken und daran, wie diese Dinge so ganz im Widerspruch stehen zum Wesen des Pessach und alle Erinnerungen wecken, nur die nicht, die das Fest der Ueberschreitung wecken müsste. In der Zeit des Grünens, im jungen Frühling, feiern wir den Geburtstag unseres tausendjährigen Volkes. Wir feiern die Zeit, da die Volksseele den Eispanzer, der sie umschloss, sprengte und lenzhaft erblühte. Wir feiern den Tag, da das Volk, aus tiefster Knechtschaft die Freiheit ersehnend, den vollen Fleischtopf der Fremde von sich warf und Leib und Leben darbot, einen Streifen eigenen Landes sich zu erwerben. Und wir feiern ein Volk, das sein „Heute* einem ungewissen, weiten „Morgen" willig opferte und todbereit um der Freiheit willen sich der Meeresflut preisgab. . . . Wir feiern? All das Grosse, Frühlingsfrohe und Schlicht- Natürliche, wie haben wir es doch klein und herbstlich-traurig gemacht und künstlich verzerrt! „Gehirn" und „Vernunft" haben die Blüten mit Nachttau vergiftet, über die Schönheit haben sich Golus-Wolken gelagert, das Starke haben wir durch kranke Phantasien gefesselt. Dunst und Rauch, Klügelei und Mystik, — — was ist von unserem Pessach geblieben! Gross war unser Volk, da es ein Kind war, heute, da es gross an Jahren ist, ist es zum Kind geworden. Das grosse Frühlingsfest der Nation begehen sie in Sterbekitteln, und aus dem fröhlichen Geburtstag ist ein Trauertag geworden. Als hiesse es, „Jahrzeit" zu halten für unser Volk. Was anderen eine Quelle der Lebensfreudigkeit ist, ist uns ein Born tiefster Schmerzen. Was haben wir von unserem Frühlingsfest? Die Alten haben grosse Sorge damit, dass nur ja kein Bröckelchen des „Gesäuerten" sich in ein geheimes Winkelchen der Speisekammer verkrieche, dass die „Mazzoth" nur ja nicht im Wasser erweicht werden, — und noch etwas haben sie vom Pessach: Ihr „Chad-gadjah". . . .