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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 211 - 212

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Miscellen. - Aphorismen. Gorki, Maxim
Date
1902-03-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 2)
Language
German
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211 Miscellen. — Aphorismen. 212 Freiheit ringt. Gutes, feuriges Blut fliesst in den Adern ihres Volkes. Ich höre behaupten, der Zionismus sei eine Utopie, — weiss nicht — vielleicht. Aber inwiefern ich in dieser Utopie einen unbesiegbaren, leidenschaftlichen Freiheitsdrang sehe, ist er für mich etwas Reales, eine Lebensfrage. Aus voller Seele wünsche ich dem jüdischen Volke — sowie allen Menschen — in dieses Ideal seine ganze Geisteskraft zu setzen, es in Fleisch und Knochen zu verwandeln, ihm sein heisses Blut einzuflössen, unermüdet für dasselbe kämpfen, um alles Ungerechte, Rohe und Gemeine niederzuschlagen. Maxim Gorki. » Jungjüdische Abende in Berlin. Dieser Tage fand eine eigenartige Veranstaltung im grossen Saale des Berliner Architektenhauses statt: der erste jungjüdische Abend. Da eine Reihe weiterer solcher Darbietungen in Aussicht genommen und anzunehmen ist, dass andere jüdische Centren das Beispiel aufgreifen werden, so glauben wir an dieser sympathischen Erscheinung nicht schweigend vorübergehen zu sollen, wie es bei vereinzelten Veranstaltungen oder solchen ausschliesslich lokalen Interesses durch den Charakter unserer Zeitschrift geboten wäre. Der Abend verlief ausserordentlich harmonisch. Da ähnlich vornehme und gleichzeitig im besten Sinne jüdische Darbietungen bisher nirgends in auch nur annäherndem Maasse veranstaltet worden sind, so scheint uns, dass ein Vergleich mit den Festen der „Neuen Gemeinschaft" das beste Bild von der Sache geben wird. Es ist kein Zufall, dass Martin Buber, der in Wien die ersten Anregungen zu solchen Abenden gegeben hat, auch einer der thätigsten Freunde der „Neuen Gemeinschafts-Beweguag" ist. Was den Abend selbst betrifft, den Berthold Feiwel mit einer kurzen Conference einleitete, so kann nicht genug der einheitlich-jüdische Charakter des Ganzen hervorgehoben werden. An Musikstücken wurde geboten: „Elohenu" von Gemsheim und „Kol-Nidrei" von Bruch; — beide wiedergegeben von Walter Lewy (Cello). Dann spielte Heinrich Schkolnik (Violine) das „Geistliche Lied" von Lewandowski-Rehfeld und die „Hebräischen Melodien" von Lewandowski. Die jüdische Dichtung war durch Morris Rosenfeld vertreten, den Sänger des Ghetto, der von Tag zu Tag mehr „europäische" Geltung erlangt, sowie durch das jüdische Volkslied, das in einigen erlesenen Stücken von Frl. Otty Severa zum Vortrag gebracht wurde. Vielen der Anwesenden wurde da eine ganz neue Welt erschlossen, ein ganz neues Litteraturgebiet, — das des Jargon — ein ganz neues Volkslied: das jüdische. Viele, die bis dahin den iüdisch-deutschen Dialekt für ein „Gemauschel" gehalten hatten, gingen an diesem Abend nach Hause, reicher um eine AJmung von bisher ungekannten Schönheiten. Der sogenannte Jargon ist „salonfähig" geworden. Was wir aber für das Wertvollste an diesem jungjüdischen Abend halten, das ist, dass er gezeigt hat, dass das jüdische Leben reich genug ist, um nicht — wie es vielfach noch geschieht — zu jüdischen Veranstaltungen Parade-Christen mit nichtjüdischen Vorträgen etc. heranziehen zu müssen. # Solange eine Verschiedenheit des Existenzminimums bei gleichzeitig lebenden Völkern besteht, muss das Abwehrbestreben der Völker mit höherem Existenzminimum gegen Zuzug aus solchen mit niedrigerem Fortdauern und mit der Erleichterung des Verkehrs immer schärfere Formen annehmen. Eduard von Hartmann. * Ich halte es für sehr möglich, dass die Juden, vorausgesetzt, dass die Grundlagen ihrer Religion sie nicht verweichlichen, wenn einmal die Gelegenheit günstig sein sollte, — die menschlichen Verhältnisse sind ja dem Wechsel unterworfen — ihr ehemaliges Reich wieder aufrichten werden und Gott sie wieder von neuem erwählen werde. Bariich Spinoza, (Theologisch-politischer Traktat, Kap. 3). * Vor aller Welt die Interessen unserer Brüder zu verteidigen, vor aller Welt die Sendung Israels zu betonen, die oft anerkannt, oft bestritten, oft belacht aber schliesslich immer triumphierte — dies ist das Ziel, dies muss die Aufgabe jeder Kundgebung sein, welche den ruhigen, starken, unwiderstehlichen, unsterblichen Gedanken wiedergeben will, den wir — in Ermangelung eines besseren Wortes Judaismus nennen, welcher aber in Wirklichkeit die vorherrschende Idee der einzigen Offenbarung des himmlischen Willens und Gesetzes ist, welche je seit Anbeginn der Welt auf die Menschheit gekommen ist! Was wir anstreben ist dieses: soweit die Presse dieser Aufgabe gerecht werden kann, die verschiedenen Missionen des Judentums aufzuführen, seine Wahrheiten triumphierend der Welt zu zeigen, seine zerstreuten Herden mit einem Bande liebender Gemeinschaft zu umschlingen, für seine Sache zu kämpfen, seine Ideale zu verwirklichen und den Wellen des Konfliktes, der Uneinigkeit, des Widerstandes, des Unglaubens und der Gleichgültigkeit zu trotzen. . Michael Henry. (1869 bei Uebernahme des Jewish Chronicle.)

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