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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 189 - 190

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Die Bibel
Date
1902-03-01
Page
Seite 189 - 190 (sequence 1)
Language
German
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189 190 Die Bibel Aus dem Russischen des S. Frug von Wilhelm Perl mann. Kennst du des Augenblickes wonnevolle Schauer, Da durch der schwergeprüften Seele düstre Trauer, Die bangen Zweifel wie ein wüster Traum umschlingt, Geheimer Saiten Zauberweise plötzlich klingt. Und wehmutsvoll in leiser Sehnsuchtsklag' erschallet "Wie der Schalmeie Lied sanft im Gebirg' verhallet. Jäh rüttelt sie die wSchatten alter Tage auf, Die längst dahingeschwunden in der Zeiten Lauf; Erschüttert siehst du dich in ihren stillen Reihen, Beglückt will deine Seele vor Entzücken schreien, Wie hell aufschreit vor Freude Knäblein auf der Flur, Wenn es im Schnee entdeckt des ersten Blümchens Spur, Wenn es ob fernen Gipfeln sieht in heit'ren Zügen Die vSaatkrähen, des Lenzes Vortrab, fliegen...... Da wird so wohl dir Freund, als jwenn nun jeder Schmerz, Der eben noch wie brennend Gift zerriss dein Herz Und deinen Geist versengt', der wie ein dumpf Verhängnis Gewitterschwer lag ob der zarten Brust Beengnis, — Ein böser Traum nur war, ein schwerer, wüster Traum Der kranken Phantasie, den du entworren kaum, Und der nun ietzt in nichts zerfliesst, wie vor Auroren Ein Nachtgespenst, und wieder ist wie neugeboren Dein Herz und überschäumt von frischer Lebensglut Wie morgens eines kräfVgen Kindes froher Mut. Und wieder schwingen durch die Seele dir vertraute, Erhebend heilige und feierliche Laute! .... Solch'veine Saite tönt in meinem Busen mild, Wenn man vor mir die Heilige Schrift enthüllt, Die ew'ge Wahrheit ruht in ihren Rollen, Die Lob und Preis den grossen Thaten zollen, Und allen Wundern jener seFgen Zeit, Wo erdwärts in der Menschheit Niederungen Stieg des Gesetzes Herrlichkeit, Und wo das erste Lied erklungen, Als sich der Mensch vom Sklavenjoch befreit. In altehrwürd'ger Sage heiFges Dämmergrau Gehüllt, zieht schattenbleich — wie Frührot beim Erscheinen. Des fahles Licht erstirbt in stiller Buchten Blau Lmd in des feuchten Schilfes jungfräulichen Hainen. — An mir vorbei der frommen Männer ernste Schar; In milder Ruhe leuchtet mir ihr Bild entgegen . . . Und wieder von verklung nen Tagen fühl ich klar Manch" lieben, trauten Wiederhall in mir sich regen . . O seVge Wunderwelt! Du Blütezeit der Macht, Des ewigen, erhab'nen Ruhmes heil'ge Wiege! Mir ist, als ob aus feuchter, dumpfer Gräber Nacht Empor zu mir Dein göttlich Abbild glänzend stiege, Und mächtig schwillt der Freiheit und der Liebe Lied Begeistert in mir an zu rauschenden Akkorden, Und wieder in der Brust ein lohend Feuer glüht. Und meine Seele jauchzt, vom Banne freigeworden . . . In dieser Wonnestunde scheint mir wüster Traum Des Elends lange Nacht, da uns der Feind bedrückt hat. Ein Traum die Gräber nur. die weit zerstreut im Raum, Bedecken tausend Hoffnungen, die er geknickt hat . . . Mein Volk seh.1 wieder ich in seinem Heimatland, Wie in den alten, längst dahingeschwund'nen Zeiten. Als rurfgen Landmann mit der Sense in der Hand Und stolz als Helden um der Freiheit Banner streiten. Mein armer, kranker Bruder, den der Hass vertrieben! O, zeig' mit deinem Gram dich nicht! Und durch dein Murren, durch die Thränen im Gesicht Stör' meinen Traum mir nicht, den lieben! ....

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