Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Der Jude an die Christen
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 179 - 180 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583894-2585226--01449-2585299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 180 Oer jfude an die Cbrifteti**) Von Friedrich Hebbel. 7cb fanh zu Deinen f üfsen, bleich und blutend, Ofd> zeigte ftumm auf die Vergangenheit; 7ch rief, im Sterben felbft mich noch ermutend; „Sri »u mein Beiland, jüngfte, Ttolze Zeit!" Du ft ändert ftül vor mir, mich ernft betrachtend, Dein Blick, umwölbt zwar, febien doch mitleidvoll, So dafs mein Berz, bisher verzweifelnd febmaebtend, Zum erften ]Mal von fanfter Boffnung fcbwoll. Do* acb, Du zäblteft febweigend nur die ^Kunden, Die langfam mich bis auf den Kern zerftört, Du fandeft febaudernd alle unverbunden, Ond wandteft Dich, im ^nmvttcn empört. Nun prägt mich, allen Zeiten zu beweifen, Dafs mich kein Menfcb mehr Bruder nennen kann, Dein 6riffel, Zug um Zug, in Stein und 6ifen; Dann wiederbolft Du ftreng den alten Bann* O zerr* es nur aus dunklem Cabernakel Bervor mein Bild, zerriffen und entftellt; O ftell es nur mit jedem feiner JMakel Im Glanz der Sonne auf vor aller SQelt, Sias war in eurer Märtyrer Leib zu lefen, denn man zerfetzt bervor fie ftiefs ans Hiebt? Doch nur, wie hart die folterbank gewefen — für Sunden hielt man ihre Stunden nicht. *) Das schöne Jugendgedicht Friedrich Hebbel's verdient in Erinnerung gebracht zu werden. Hebbel schrieb es, 26jährig, während seines zweiten Aufenthalt in Hamburg, zu derselben Zeit, in der seine grosse biblische Tragödie Judith entstand. Auch sonst rinden sich in Hebbel's Werken mancherlei Beziehungen zu Juden und Judentum. Er behandelte auch zweimal spezifisch jüdische Stoffe, in der dem Josephus entnommenen Tragödie „Herodes und Mariamae", sowie in dem für Rubinstein geschriebenen schwachen Melodrama „Opfer um Opfer". Auch befanden sich unter Hebbel's nächsten Freunden viele Juden; insbesondere standen Emil Kuh und Felix Bamberg ihm nahe. Kuh, der erst als Kaufmann, dann als Redakteur und Litteraturprofessor in Wien lebte und 1876 starb, schrieb die wertvollste, leider etwas zu umfangreiche Biographie Hebbel's. Bamberg lebte mit Hebbel in Paris zusammen, schrieb schon 1845 eine Schrift Ueber den Einfluss der Weltzustände auf die Kunst und über die Werke Friedrich Hebbel's" und vermittelte auch Hebbel's Bekanntschaft mit Heine. Er wendete sich später der Politik zu, schrieb eine „Diplomatische Geschichte der orientalischen Krise" und gab in seinen letzten Lebensjahren die Tagebücher und Briefe Hebbels heraus, eines der wichtigsten Dokumente der nachklassischen Litteratur, dem jüngst noch ein dritter stattlicher Band Hebbel-Briefe gefolgt ist. Ein anderer naher Freund Hebbel's war Sigmund Engländer, der namentlich aus dem Briefwechsel als ein merkwürdiger, vorwiegend reproduktiver und analytischer Kopf uns bekannt ist. Seine Bücher sind längst verschollen und doch stand wohl ein bedeutendes Menschentum dahinter. Auch Ludwig Froekl und Leopold Kompart traten Hebbel nahe; ebenso Rower Seligmann, der Wiener Jurist, Adolf Stern, der noch heute lebende Dresdener Dichter u. a. m. Th. Lessing.