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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 151 - 152

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Nietzscheanismus und Judentum
Date
1902-03-01
Page
Seite 151 - 152 (sequence 4)
Language
German
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151 Achad Ha'arn: Nietzsclieanismus und Judentum. 152 in Einzelnen über das allgemeine Niveau der grossen Mehrheit hinaus erreicht hat. Dies ist der Kardinalgedanke in der Lehre von der „Umwertung aller Werte" in ihrer ursprünglichen deutschen Fassung.1) Sie will also nicht bjos im einzelnen die Moral umändern — indem das, was bisher als „gut" galt, nunmehr als „schlecht" gewertet werden soll und umgekehrt — sondern dieselbe in ihrer ganzen Grundlage umgestalten, in der Aufstellung des Kriteriums für die Unterscheidung von „gut" und „schlecht". - Bisher galt als das Kriterium die Verringerung des Schmerzes in der Welt und die Vergrösserung des Glücksquantums in der Menschheit. Alles was geeignet schienj mehr oder minder zur Erreichung jenes Zieles beizutragen, sei es durch sich selbst oder durch die von ihm ausgehenden Folgen sei es in der Gegenwart oder in naher oder ferner Zukunft —, alles dies galt als „gut". Was hingegen in irgend welcher Beziehung die gegenteiligen Folgen erwarten Hess, galt als „schlecht". Nunmehr aber vernehmen wir, dass die sittlichen Eigenschaften und Handlungen nicht im geringsten nach ihren Folgen für die Masse der Menschen gewertet werden sollen. Denn die Entfaltung der individuellen Kraft in den höchsten Exemplaren des Menschengeschlechts und die durch sie bewirkte Erhöhung des Arttypus zu einer über die grosse Menschenmehrheit hinausragenden Stufe, — dieses ist das „Gute" an sich, welches seinen Endzweck in sich selbst rindet und keinerlei Sanktion durch irgend ein andersartiges Kriterium bedarf. Dadurch hat Nietzsche, wie Simmel mit Recht hervorhebt, allen Gegenargumenten, die seine Gegner aus der Logik oder Erfahrung gegen ihn vorbringen könnten, von vorne herein den Boden entzogen. Denn alle Argumente dieser Art müssen hotwendig jenes Kriterium, das er überhaupt nicht anerkennt, zur Voraussetzung haben, indem sie den Schaden aufweisen, den eine solche Anschauung für das Leben der Gesamtmenschheit, für die Ausbreitung der Kultur in ihrer Mitte nach sich ziehen würde, und ähnliche Einwände mehr, wogegen nach der Metzsche'schen Anschauungsweise das ganze Leben der Masse der Menschen samt ihrer ganzen Kultur gegenüber einem einzigen Uebermenschen gar nicht ins Gewicht fallen kann. Jetzt kennen wir nunmehr die Quelle, aus der unsere Schriftsteller den Begriff der Umwertung geschöpft haben, und sehen, welche Umformung er bei ihnen erhalten hat. Sie fanden auf einem fremden Boden eine neue allgemeine Lehre vor, die thatsächlich geeignet ist, phantasiebegabte Menschen in ihren Bann zu ziehen, und, indem sie sich derselben anschlössen, *) In den Nietzsche'schen Schriften selbst ist bekanntlich das Verständnis der Gedanken durch den in Uebertreibungen und hochpoetischen Ergössen sich bewegenden Stil ungemein erschwert, und es lassen sich sogar in einzelnen Punkten direkte Widersprüche nachweisen. Die äusserst schwierige Aufgabe, aas dem wirren Material ein geschlossenes und abgerundetes System herzustellen, hat, soweit es überhaupt anging, der scharfsinnige Georg Simmel in seinem Aufsatz „Friedrich Nietzsche. Eine moralphilosophische Silhouette" (in derZtschr. für Philosophie und philosophische Kritik, Band 107 (1896) S. 202 fg.) vortrefflich gelöst. schufen sie nach diesem Vorbild eine spezielle Lehre, eine Lehre fürs Judentum. An und für sich finde ich in dieser Thatsache nichts Schlimmes. Aehniiche Erscheinungen lassen sich in Fülle aus unserer Vergangenheit nachweisen, von der alexandrinischen Epoche bis aut unsere Zeit herab, und das Judentum wurdehierdurch lediglich durch neue Begriffe und fruchtbare Gedanken bereichert. Aber auch hier ist, wie bei jeder Sache, die eine besondere Geschicklichkeit erfordert, immer die Hauptbedingung, dass der Meister mit der Beschaffenheit des ihm vorliegenden Stoffes vertraut sein muss und den Stoff zu formen versteht, damit nicht der Stoff über den Meister die Herrschaft gewinnt und unter seiner Hand zu etwas Unbrauchbarem missrät. Bereits vor mehreren Jahren äusserte ich mein Mitgefühl mit unseren jungen Schriftstellern, die einen „Riss" in ihrem Innern empfinden und ihn durch die Einführung „europäischer" Gedanken in unsere Litteratur heilen zu können vermeinen, und hielt ihnen folgendes entgegen: „Die blosse Einführung des fremden Stoffes genügt nicht; der Einführung muss vielmehr eine Assimilierung desselben an unsere nationale Eigenart vorangehen. Wir sehen zum Beispiel, dass die Ideen Friedrich Nietzsche's sich eines Teües der jüdischen Jugend bemächtigen und, indem sie dieselbe in einen Konflikt mit ihrem Judentum hineintreiben, in ihrem Innern einen Riss verursachen. Was soll nun geschehen? Zunächst soll en diese Ideen analysiert und in ihre Bestandteile zerlegt werden, um auf diese Weise die in ihnen allgemein menschlich wirkende Anziehungskraft und ihre auf das Judentum geübte Abstossungskraft festzustellen und von einander zu isolieren. Durch eine derartige Analyse wird sich möglicherweise zuletzt herausstellen, dass die beiden Kräfte von zwei verschiedenen Punkten ausgehen, die durchaus nicht notwendig zusammengehören. Während die erste Kraft universaler Natur ist, ist vielleicht die andere lediglich germanischen oder arischen Charakters und hat sich bloss mit jener verbunden, weil sie beide zufällig im Geiste desselben Individuums zusammentrafen, das gleichzeitig Mensch und Germane war. Wenn dem so ist, dann brauchen wir bloss die Form dieser Gedanken zu ändern, den universalen Kern aus der germanischen Schale herauszulösen und ihn anstatt dessen mit der Schale der jüdischen Eigenart zu umkleiden — und die geforderte Assimilierung ist vollbracht. Dann führen wir in unsere Litteratur neue, aber nicht fremde Gedanken ein."1) Wären unsere Nietzscheaner auf die bezeichnete Weise verfahren, dann müsste ihnen klar geworden sein, dass die Lehre ihres Meisters thatsächlich „zwei verschiedene Punkte", einen allgemeinen menschlichen und einen speziellen arischen, enthält, und dass der erstere nicht bloss in keinem Widerspruch mit dem Judentume steht, sondern im Gegenteil demselben durchaus förderlich erscheint. *) Im „Haschiloach", Band l, p. 507.

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