Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Nietzscheanismus und Judentum
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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147 Achad Ha'am: Nietzscheanismus und Judentum. 148 basiert, erbarmungslos, mit einem Male, in Trümmer schlagen und an dessen Stelle yon Grund auf einen neuen Bau errichten, auf der Basis der neuen Werte, die dem Materiellen den Yorrang über das Ideale verleihen sollen, die die lebensdurstige Menschennatur von den sie einschnürenden Fesseln befreien und in ihr den Drang wecken sollen nach Durchsetzung ihrer Kräfte und Willensimpulse, nach gewaltsamer Erlangung ihrer Wünsche in schrankenloser Freiheit. Und in derselben Weise wie die übrigen „neuen Worte", die lärmend unsere Litteratur durchschwirren, ist auch die Losung von der „Umwertung aller Werte" nicht in unserer eigenen Mitte entstanden und nicht aus den Bedürfnissen unseres eigenen Lebens herausgewachsen, sondern auf „fremdem Gefilde" fanden unsere Schriftsteller die neue Pflanze fix und fertig vor und lasen sie auf, um damit ihr Volk zu beglücken, ohne vorher zu überlegen, ob und inwiefern der Boden des Judentums für das Wachstum derselben geeignet erscheint. Friedrich Nietzsche, der Dichterphilosoph, der Mann, welcher Denken und Dichten in sich gleichzeitig vereinigt, war es, der auch' unsere Jugend durch seine neue Lehre von der „Umwertung aller Werte" in Begeisterung versetzte. Seine Theorie vertritt die Anschauung, dass der Zweck des Menschengeschlechts, wie der aller Lebewesen, in der ununterbrochenen Entfaltung und Durchsetzung der ihm von der Natur verliehenen Kräfte besteht, damit der menschliche Arttypus die höchste Stufe erreiche, die er zu erreichen im stände ist. Da nun die Vervollkommnung des Art-Typus nur durch den Kampf ums Dasein unter den Individuen der Art möglich ist, wobei der Stärkere immer höher und höher steigt, ohne sich um die Schwächeren zu kümmern, selbst wenn er über deren Köpfe hinwegschreiten und sie mit Füssen treten muss, so ergiebt sich daraus, dass es seitens der bisherigen Moral ein grosses Missverständnis war, wenn sie als ihre Basis den Fundamentalsatz aufstellte, dass „gut" dasjenige ist, was den Menschen in ihrer Gesamtheit Glück bringt und das Maass der Schmerzen in der Welt vermindert, „schlecht" hingegen, was der Menschheit Unglück bringt und das Maass der. Schmerzen vergrössert. Auf dieser Basis sich aufbauend, brachte die Ethik eine völlige Umwälzung hervor und stellte die Ordnung der Dinge auf den Kopf: die oben Befindlichen gerieten nach unten, die unten Befindlichen nach oben. Die vereinzelten Starken, die durch ihre leiblichen und seelischen Vorzüge würdig waren, sich zu einer hohen Stufe zu erheben und dadurch den menschlichen Typus seiner Vollkommenheit näher zu bringen, wurden der Mehrheit der Unterdrückten untergeordnet und durften jetzt nicht mehr die Schwachen, die ihrer Entwicklung hinderlich im Wege standen, beiseite"schieben, ja sie wurden sogar von seiten der Moral verpflichtet, ihnen zu dienen, ihnen Barmherzigkeit, Unterstützuug und Wohlthaten zu erweisen, kurz, auf die Entfaltung ihrer eigenen Kräfte und die Erhöhung ihrer individuellen Vorzüge zu verzichten und ihre ganze Ueberlegenheit dem Haufen der Niedrigerstehenden und Minderwertigendienstbar zu machen. Die notwendige Folge dieses Zustandes war die, dass der menschliche Typus im allgemeinen, anstatt nach oben zu streben, um von Generation zu Generation immer stärkere und höhere Exemplare hervorzubringen und dadurch der Vollkommenheit immer näher zu kommen, — anstatt dessen immer mehr nach unten sinkt, indem er auch die wenigen Auserlesenen in jeder Generation zu der Niedrigkeit des grossen Haufens herabzieht und dadurch sich immer mehr von seiner wahren Bestimmung entfernt. Um daher dem menschlichen Typus die Fähigkeit zur Vervollkommnung wieder zu verleihen, müssen die moralischen Werte gänzlich umgeprägt werden und muss der Begriff „gut" dieselbe Bedeutung erhalten, die er einst im Altertum hatte, als die griechische und römische Kultur noch nicht durch die jüdische Moral besiegt waren: nämlich „gut" ist der Starke, der die Kraft zur Erweiterung und Erhaltung seines Lebens und den Willen zur Macht besitzt, ohne sich irgendwie um den Schaden zu kümmern, der durch ihn für den grossen Haufen der Schwachen und Minderwertigen entsteht, weil nur er, der Uebermensch, allein den Kernpunkt und Endzweck des Menschengeschlechts darstellt, die Uebrigen aber nur dazu da sind, ihm dienstbar zu sein und die Leiter zu bilden, auf der er in die Höhe steigt und die ihm entsprechende Stufe erklimmt. Nicht etwa so, dass der Uebermensch der spezielle Liebling der Natur wäre, der die besondere Vergünstigung geniesst, seinen Leidenschaften zu fröhnen undsich der Welt lediglich zu seiner persönlichen Lust zu bedienen, sondern seinen Vorrang verdankt er lediglich dem menschlichen Typus, der durch ihn in die Höhe gehoben und der Vollkommenheit näher gebracht wird. Deswegen bedeutet für den Uebermenschen die Entfaltung seiner Kräfte und die Herrschaft über die Welt nicht nur ein Recht, sondern auch einehohe und harte Pflicht, der erjunterUmständen auch sein persönliches Glück opfern muss, wie er ihr das Glück anderer opfert, und in deren Dienst er sich ebensowenig schonen darf, wie er andere geschont hat. „Trachte ich denn nach Glücke"? — fragt der Uebermensch Zarathustra — „Ich trachte nach meinem Werke". Denn dieses „Werk" — die Erhebung des Art-Typus in jeder Generation, wenn auch nur in wenigen Exemplaren, über den Haufen der „Vielzüvielen" hinaus —, dieses Werk ist anundfürsich als Endzweck erwünscht, ohne jegliche Rücksicht auf seine Folgen für das Glück oder Leid, den Fortschritt oder Rückschritt der Mehrheit der Menschen. Der moralische und kulturelle Wert einer Epoche ist also nicht mehr, wie man gewöhnlich annimmt, abhängig von dem Grade der Wohlfahrt und der Kultur der Mehrheit der in jener Epoche Lebenden, sondern im Gegenteil von der Höhe der Stufe, die der Arttypus in einem Einzigen oder