Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ösFjgge st: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR MODERNES JUDENTUM. ~ Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von DAVIS TRIETSCH und LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3 März 1902 IL Jahrg. NIETZSCHEANISMUS UND JUDENTUM.*) Von Ach ad Ha'am (U. Ginzberg). Autorisierte Uebersetzung aus dem Hebräischen von Dr. J. Friedlaender. Aus dem betäubenden Stimmengewirr, welches im chaotischen Durcheinander unseres öffentlichen Lebens umhertobt, heben sich seit kurzem von Zeit zu Zeit fremdartige Stimmen heraus, von denen besonders eine, neue Worte verkündend, allgemeine Aufmerksamkeit erregt und die seltsamsten Empfindungen weckt. Der grosse Haufe hört, ohne etwas zu verstehen, wird einen Augenblick stutzig und — zieht seines "Weges. Die wenigen Auserlesenen hören gleichfalls und verstehen zumindest, woher die Stimme kommt; weil sie es aber verstehen, schütteln sie skeptisch den Kopf und ziehen gleichfalls ihres Weges. Nur die Jugend mit ihrem regen und für alles Neue empfänglichen Herzen horcht nach allen Seiten hin auf die neuen Worte, die jene Stimme verkündet, lauscht begierig dem neuen Klange, und lässt sich von ihm fortziehen, ohne sich nach der Idee, die in jenen Worten liegt, zu fragen, ohne sich zu überlegen, ob es thatsächlich so unerhört neue Wahrheiten sind, die zu einem derartigen Enthusiasmus berechtigen. Jene Worte heissen: „Umwertung aller Werte" und die Idee — nun es ist kein Leichtes, sie aus dem umgebenden Nebel herauszuheben und ihr eine scharfe und präzise Fassung zu geben Wenn wir in- ') Der vorliegende Aufsatz erschien zuerst in der vom Verfasser redigierten Monatsrevue „Haschiloach" (Band IV, 1898, Heft 2\ als Entgegnung auf die nietzscheanischen Tendenzen, die sich seit einigen Jahren in der neuhebräischen Literatur geltend machen und die hauptsächlich an den Namen Dr. M. J. BerdyczewskPs anknüpfen. Der Uehersetzer ist in mehreren Punkten mit den Konklusionen des Artikels nicht einverstanden. Anm. des Uebersetzers. des aus der Fülle des Geheimnisvollen, mit dem die Vertreter dieser Idee ihr Geistesprodukt umhüllen, die hier und da auftauchenden verständlichen Aeusserungen herausgreifen und zu einander fügen, dann erhalten wir wohl die Berechtigung, jene Idee etwa folgendermassen zu formulieren: Der ganze Geschichtsverlauf des jüdischen Volkes von den Propheten bis auf die Gegenwart herab erscheint ihnen, den Verkündern jener „Worte", als ein einziger grosser Irrtum, der unverzüglich einer radikalen Berichtigung bedarf. Denn während dieses ganzen Zeitraumes stellte das Judentum das geistige abstrakte Ideal über die körperliche materielle Kraft, die „Schrift" über das „Schwert" und erdrückte dadurch in den einzelnen Volksgliedern das Streben nach der Durchsetzung ihrer individuellen Kräfte. Sie verdrängte das Leben „in natura" vor dem Leben „in effigie", und der reale Jude wurde gewissermassen das blosse Anhängsel einer abstrakten Moraltheorie. In diesem Zustande kann das jüdische Volk unmöglich länger unter den übrigen Völkern leben oder sich gar eine nationale Existenz auf eigenem Boden gründen. Da nun die Sehnsucht nach einer nationalen Renaissance jetzt wieder erwacht ist, müssen wir daher vor allen Dingen zuerst die bei uns herrschenden Moralwerte umwerten, müssen den ganzen historischen,' uns von den Vätern überkommenen Bau, weil er auf dem Fundamente jenes gefährlichen Irrtums — der Vorherrschaft des Geistes über die Materie und der Unterordnung des individuellen Lebens unter abstrakte Moralgesetze —