Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Die Beulenpest im Alten Testament
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 137 - 138 (sequence 2)
- Language
- German
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137 Miscellen. — Aphorismen. einer übrigens recht interessanten, in ..Expository Times" veröffentlichten Studie. Campbell Gibson hat sich seit seiner Jugend viel mit der Erzählung der Kapitel 5 und 6 des ersten Buches Samuel beschäftigt. Der ehrwürdige Text erzählt von der furchtbaren Rache, die Gott an den Philistern nahm, weil sie die heilige Arche geraubt und im Tempel des Götzen Dagon niedergesetzt hatten. Jehova liess Dagon mit dem Gesicht gegen die Erde fallen; in seinem Sturze zerschellte das Idol in mehrere Stücke: das Haupt rollte in die eine, Füsse und Hände in die andere Ecke. Aber damit war Gott nicht zufrieden. Seine Hand", beisst es in der Schrift, „legte sich auf die Philister und verwüstete ihr Land". Er schickte ihnen eine doppelte Geissei: Beulen, die die Einwohner bekamen und an denen sie starben, und Scharen von Mäusen oder Ratten,, die die Gegend verheerten. Diese doppelte Geissei bildet nach der Meinung Campbell Gibson's nur eine einzige. Er findet zwischen der totbringenden Epidemie, die unter den Philistern wütete, und den Nagern, die das Land verheerten, eine enge Verwandtschaft. In der That sieht die heutige Wissenschaft in den Ratten die thätigsten Agenten der Verbreitung der Beulenpest. Wenn wir also stolz darauf sind, zuerst diese Beziehung zwischen der Beulenpest und den Ratten entdeckt zu haben, so erfahren wir jetzt, dass die Philister schon tausend Jahre vor Christo ebensoviel davon wussten wie wir. Das Mittel, das man damals anwandte, um die Geissei zu bekämpfen, unterscheidet sich ein -wenig von dem, das unsere Mediziner heute anwenden. Die Philister schickten die Bundeslade dem Volke zurück, dem sie sie gestohlen hatten. Dann verfertigten sie, da fünf Prinzen in ihrem Lande lebten, fünf goldene Figuren, die die Beulen darstellten, und fünf andere goldene Figuren in Gestalt der die Krankheit verbreitenden Mäuse und opferten alles Jehova in der Person seiner Priester. Dieses Mittel ist gewiss wenig wissenschaftlich. Aber, und das ist die Hauptsache, es wirkte vorzüglich, wenn man den Hagiographen glauben darf. Sehr peinlich und gewissenhaft ist die weitere Argumentation Campbell Gibson's. Er legt besonderes Gewicht auf Vers 12 des 5. Kapitels: „Die Menschen, die nicht starben, waren von Beulen betroffen." Gibson, der Pestkranke in China und Bombay gesehen hat, hat die Beobachtung gemacht, dass in Uebereinstimmung mit der biblischen Erzählung die Beulen nicht immer in den Fällen erschienen, wo die Pest als ausgebrochen erklärt war. Meist trat der Tod vor der völligen Entwicklung der Geschwüre ein. Und wenn der Patient bis zu dem Augenblicke am Leben blieb, wo sie ihre volle Entwicklung erreicht hatten, so hatte er Aussichten, überhaupt gesund zu werden. Man kann dann versuchen, mit einem Stich der Lanzette die Beulen, von denen der biblische Text spricht, zu zerstören. Dieses Verfahren hat oft zu guten Resultaten geführt. Es ist also durchaus richtig zu sagen, „dass die Menschen, die nicht starben, von Beulen betroffen waren". Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Bedeutung der Ratten für die Verbreitung der Pest in der That bereits vor 3000 Jahren in jener Gegend durch blosse Beobachtung festgestellt worden ist. Denn wSyrien und Aegypten waren im Altertum als Pestherde bekannt, wie aus einer interessanten Stelle des Rufus hervorgeht, der von ausserordentlich rapid verlaufenden tödlichen Pestbeulen spricht, welche meist in den Gegenden von Lybien, Aegypten und Syrien beobachtet würden, ..Pestilentes bubones maxime lethales et acuti, qui maxime circa Lybiam el Aegyptum et Syriam observantur." Uebrigens müsste ein besonderes Interesse iir die Frage bei dem berühmten Dr. Haffkin in seiner doppelten Eigenschaft als erfolgreichster Pestforscher und als guter Zionist und Kenner der jüdischen Geschichte vermutet werden. APHORISMEN. Das Glück des Momentes ist nicht das wichtigste für den Menschen, sondern seine Lust zu schaffen, seine Sehnsucht. In einem vollendeten Garten will man am liebsten gemessen und ruhen, aber wenn man unbebaute Erde sieht, will man schaffen — Gärten, neue, eigentümliche, nie zuvor gesehene, sie mögen nun gross oder klein werden. — „Ubi bene, ibi patria" ist eine alte Lüge. Nicht das Land ist das beste, in dem man am meisten geniesst, sondern das, wo man am besten schafft." Richard Bergh. „Der Arme braucht mehr Brod, richtig! aber gebt ihm mehr Wissen, damit er mehr Brod erringen könne. Blosses Almosengeben schafft Bettler, blosse kirchliche Bestrebungen Heuchler, es muss etwas geschehen, was weder religiöse Missionen noch Wohlthätigkeitsvereine bisher vollbracht haben, und das ist nur möglich, wenn die Gebildeten nicht Geld , sondern ihr Wissen, ihre Kultur, ihre Zeit, mit einem Wort sich selbst der Hebung der Arbeiterklasse hingeben." Bainet, über „Volkswohlfahrt" 1883.