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Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 131 - 132

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Johann Gottlieb von Bloch [Illustration]
Date
1902-02-01
Page
Seite 131 - 132 (sequence 1)
Language
German
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LITERARISCHES. Ueber den soeben verstorbenen russischen Staatsrat J. G. von Bloch schreibt N. Sokoiow in der „Welt": „Der Friedensapostel, den gestern Nacht der jähe Tod über die Ausgangsschwelle des Erdenlebens geführt hat, Johann Gottlieb von Bloch, ist mehr als ein Haute-Finanzier und Grossindustrieller gewesen. Ein Stück Judengeschichte sinkt mit ihm ins Grab, eine der Figuren verschwindet, die nicht weniger kennzeichnend für eine Epoche sind als jene Allergrössten, die neue Pforten der Entwickelung erschliessen und den Strom in das von ihnen gewollte Bett zwingen. "Wie an einem Wetterglase konnte an den Phasen der wechselnden Geschicke, die Johann von Bloch in einem halben Jahrhundert erlebt hat, der Umwandlungsprozess abgelesen werden, den die Oberschicht des jüdischen Assimilantentums in diesem denkwürdigen Jahrhundert durchlebt hat. Ein jüdischer Streber in r'en 50er Jahren, ein internationaler Friedenspionier am Ende seiner Laufbahn, das kennzeichnet nicht nur die Hautungen, die dieses geniale Individuum auf der langen Strecke vom Jünglings- bis zum Greisenalter durchgemacht hat, sondern über die individuelle Erscheinung hinaus auch die Umprägung der jüdischen Talente, des jüdischen Könnens und Schaffens, welches ohne nationale Grundlage zum Wechsel des „Bekenntnisses" zwang und damit in das fremde Kulturleben eintrat. Nicht bei allen Individuen des Ghetto - Exodus vollzog sich der Uebergang vom jüdischen Autodidakten und Self-made-Man zu einer kosmopolitischen Kapazität, wie bei dem praktischen, hochbegabten und ausserordentlich arbeiistüchtigen Bloch, aber im wesentlichen sind die Individuen, auch die unbedeutenden, dennoch dem Zuge gefolgt, der das „Jüngel" aus Radom zutsch windelnden Höhe des Weltbürgertums geführt hat." „Und die Biographie? Die alte Geschichte, die „ewig neu bleibt*'. Ein Judenjunge, geboren vor 67 Jahren in Radom. Sein Vater war ein Comzier Jude, Färber von Beruf. Er neigte ein wenig zum „Heutig- Weltigen", d.h. zum Fortschritt, schrieb gut hebräisch, trug den Kaftan etwas kürzer als seine Zeitgenossen; mit einem Wort: musikalisch angehaucht. Er ernährte sich und seine Familie kümmerlich von seinem Handwerk, färbte Talithim (Gebetmäntel), arbeitete für die jüdische Greisenanstalt, als er vor ungefähr 50 Jahren nach Warschau übersiedelte. Johann (iottlicb von Bloch, russischer Staatsrat, gcstoiben Januar 1902. „Aber an der Unmöglichkeit aus seiner eigenen Nation herauszukommen, oder trotz der formellen Trennung für sie etwas grosses zu leisten, ist schliesslich Bloch doch gescheitert. Und dies ist das Tragische an dieser hochsympathischen, kulturgeschichtlich merkwürdigen Gestalt. Der ehemalige Färbersohn, der fluj aus Lomza, Radom und Warschau, musste sich an das neue Milieu, das er gewinnen wollte, mühsam anpassen. Er musste sich eine Zeit lang seinem Volke, das in seinem Blute und in seinem Geiste lebte, entfremden. Die Anderen, auch die formell Ungetauften, die Zwittergestalten, ohne Individualittät, ohne Persönlichkeit und Eigenart verschwanden im Chaos. Er konnte sich nicht verlieren. Es war ein offenes Geheimniss, dass J. G. Bloch, wenn auch nicht konfessionell, doch psychisch mit dem Judenvolke zusammenhing. Die Erschütterungen der 80 er Jahre stellten ihn in den Vordergrund der Judenverteidigung. In jenem Stadium vollbrachte er die grandiose unvergleichlich dastehende statistische Arbeit, die ökonomisch-wissenschaftliche Apologetik der russischen Juden. „Dann begann seine Friedensarbeit. Mehr als die Zeitgenossen ahnen hat er für diese Propaganda gethan. Wer weiss, ob er nicht im Grossen die Lösung der Judenfrage suchte und ob er nicht den internationalen Frieden als eine Voraussetzung der Verwirklichung jüdischer Ideale anstrebte. Jedenfalls kennzeichnet dies einen mächtigen und unruhigen Geist. Neue, mit Benediktinerüeiss gepflegte vStudien, ein heroischer Entschluss ein Wissensgebiet zu erschliessen, das für

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