Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Ein Dichter des Jargon
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 4)
- Language
- German
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99 Jaroslav Vrchlicky: Ein Dichter des Jargon. 100 In dem ersten Abschnitt seines Buches befasste sich Rosenfeld mit dem Schicksale des jüdischen Arbeiters insbesondere, in dem zweiten besingt er die Schicksale des ganzen jüdischen Volkes. Es ist das alte Lied von dem Verfall der Macht und des Ruhmes seines Stammes, von den Leiden und Verfolgungen, natürlich ausgedrückt in modernen Tönen. Originell ist er dort, wo er, wie ich schon bemerkte, geschickt an einzelne Momente des jüdischen religiösen Lebens anknüpft, welches so innig bei den Juden seines Stammes mit dem ganzen jüdischen Fühlen und Leben verwachsen ist, dem unser moderner Jude zumeist schon entfremdet ist. Auch hier liegt das Träumerische, Grübelnde über Allem. „Und dann — habt Ihr Juden schon lachen sehn?" fragt er gleich in dem ersten, überaus schönen Gedichte Sephirah. (Es folgen wieder Uebersetzungen und Analyse von Proben der Gedichte dieser Abteilung z. B. Sephirah, Kidesch Levone, Erste Twille, Der jüdische Soldat, Auf n Busen vom Jam und andere. Beim Besprechen des Gedichtes „Der jüdische Mai" schreibt Vrchlicky:) In diesem gelangt der Lyrismus Rosenfeld's am stärksten zum Durchbruch, welcher den Leser sofort unwillkürlich gewinnt. Es sind, um mit Svatopluk Cech zu sprechen, jene alten „Träume von Palästina" welche beim Erwachen des neuen Frühlings durch den Kopf des Dichters fliegen, zuerst mit einem leichten Anflug der alten Bitterkeit, die jedoch bald unter dem Einfluss der Frühlingsstimmung dahinschmilzt in ein Siegeslied der Hoffnung für das ganze Judentum. Alte Erinnerungen an gewesene Macht, Ruhm und Glückseligkeit im alten Vaterlande sind geschildert in wogenden Versen von ungleichem Rhythmus, die vielsagend und herrlich dahinströmen. Der dritte und letzte Abschnitt des Buches Rosenfeld's giebt mehr persönliche, rein subjektive Stimmungen des Dichters. Er bewegt sich im Tone einer stillen Elegie. In den in der Regel einfachen Strophen, ohne grosse Rethorik, ist er ein versöhnlicher Schlussakkord nach vorhergehenden Stürmen und Revolten. Die Friedhofsnachtigall (Hrbitovm slavik), die nur den Giäbern singt und den Schatten alter Weiden, ist typisch für diese Seite der Poesie Rosenfeld's. In dem „Traum von der Freiheit" (Sen o svobode) schwingt er sich zum Anrufen dieser verführerischen Göttin empor, die er als Erscheinung eines starken, schönen,- aber durch Ketten gefesselten Weibes sieht, dessen Bande eine schwere, um sie gewundene Schlange hütet. Die Freiheit schreit, dass ihr jemand die Fesseln abnehme, aber niemand hört sie ... . (Es folgt auch eine kurze Besprechung der Gedichte dieser Abteilung.) leb weiss nicht, ob diese gedrängte Analyse der Gedichte Rosenfeld's den ganz besonderen Reiz, mit welchem das Original packt, enthüllt, darüber wird jeder nach dem Durchlesen des ganzen Buches sprechen können, denn ich konnte mich nicht bei den Details aufhalten, in welchen eben oft die grösste Kraft und die grösste Originalität Rosenfeld's liegt. Und wenn Uebersetzungen der Dichter „umgewendete Teppiche" sind, wo mancher Faden gerissen ist, muss ich mich mit dem guten "Willen begnügen, der wollte, dass unter den Litteraturcn, welche sich jetzt schon mit Rosenfeld befassen — und ihre Zahl wird stark wachsen —, auch unsere böhmische nicht die letzte sei.