Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-02-01 · Heft 2 (Februar 1902) · p. Seite 75 - 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 2 (Februar 1902)
Article
Die Entwickelung der nationalen Idee unter den Juden
Date
1902-02-01
Page
Seite 75 - 76 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583893-2585089--01324-2585156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75 Elim Henry d'Avigdor: Die Entwickelung der nationalen Idee unter den Juden. 76 gleich, hat alle die Stürme überdauert, in welchen die mächtigsten Völker des Altertums untergingen — so vollständig, dass nicht ein direkter und unzweifelhafter Abkömmling von ihnen übriggeblieben ist. Nicht ein Mann kann heute aufstehen und sagen: „Sehet ich bin ein Athener, ich bin von dem Blute der Freiheitskämpfer, die bei Salamis gegen Xerxes kämpften." Und ebensowenig kann Einer sagen, er sei ein direkter Nachkomme der stolzen römischen Bürger. Die Aegypter, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, die Inkas von Peru und die Kaziquen von Mexiko sind von der Oberfläche der Erde hinweggeweht worden. Die modernen Völker, soweit sie dieselben Namen tragen, können nicht geltend machen, dass sie Nachkommen dieser alten Weltreich-Völker seien. Die älteste Aristokratie Europas hat nur 25 Generationen — acht kurze Jahrhunderte aufzuweisen. Wir, und wir allein, bilden eine Ausnahme. In ununterbrochener Folge haben drei Stämme — trotz aller Zerstreuung — ihren Glauben und ihre Rasse viertausend Jahre hindurch lebendig erhalten. Aber halt! Die Gegner der nationalen Idee werden vielleicht sagen, dass die Juden zwar ihren Glauben, nicht aber ihre Rasse erhalten haben. — Geschichte und Tradition werden sofort solch' einen Einwand als unberechtigt verweisen. Rassen sind nur auf drei Arten verschwunden : erstens durch völlige Vernichtung in oder nach einem Kriege; zweitens durch Aufgehen in den Nachbarnationen; und drittens durch so viele Vermischungen, dass ihre Identität verloren ging. Was den ersten Einwand betrifft, so hat kein noch so furchtbarer Krieg jemals die Juden völlig vernichtet. Zum zweiten finden wir, dass, wenn auch zu allen Zeiten einige Juden ihren Glauben und ihre besonderen Gebräuche verlassen haben und so in ihren Nachbarnationen aufgegangen sind, dass doch die grosse Mehrzahl der Juden ihre Identität erhalten hat und durch solche vereinzelte Vorkommnisse nicht berührt wurde, wenn auch häufig ein solcher Fall in seiner unmittelbaren Nachbarschaft eine grössere Aufregung hervorgerufen hat, als seiner Bedeutung zukam. Weiterhin sind die Juden niemals bestrebt gewesen, Proselyten zu machen und zwar einfach deshalb, weil ein Nichtjude, wenn er auch die jüdischen Gebräuche annahm und sich zum mosaischen Glauben bekannte, dadurch noch nicht ein Israelit wurde; zudem ist es uns nicht zur Pflicht gemacht worden, unseren Glauben durch Feuer, Schwert oder Ueberredung zu verbreiten. So kommt es, dass, wenn auch viele Uebertritte vom und zum Judentum stattfanden, ihre Gesamtzahl in irgend einer Generation doch unbedeutend blieb im Vergleich zu der ganzen jüdischen Bevölkerung. Was die dritte und letzte Möglichkeit eines Verlorengehens der Identität betrifft, so sind Mischehen zu allen Zeiten die Ausnahme unter den Juden gewesen. Wenn auch zahlreich, so haben sie doch nur eine winzige Ziffer ausgemacht im Vergleich mit der Anzahl reinjüdischer Ehen. Und so lange Mischehen die Ausnahme bleiben, so lange werden sich die Israeliten unterscheiden von dem Volke, in dessen Mitte sie leben. Alles oben Gesagte mag dem Leser wie eine unnötige Wiederholung von Selbstverständlichkeiten erscheinen. Aber die Gegner der nationalen Idee scheinen nicht an ihre Wahrheit zu glauben; denn wenn diese einmal angenommen sind, so folgt mit sicherer Logik, dass die nationale Idee ein fast ebenso wichtiger Faktor des Judentums ist, als selbst der Monotheismus. Und die erwähnten Fakten sind wie alle göttlichen Bestimmungen vollkommen natürlich. Es ist erwähnt worden, wie die Reinheit und Gerechtigkeit unserer Gesetzgebung uns in den Anfängen unserer nationalen Existenz gestärkt hat; hieraus ergiebt sich klar, dass, wie der Glaube an unsere Auserwähltheit bestehen blieb, diejenigen, die dieses Glaubens waren, sich Mischehen und Bekehrungen widersetzen mussten. Vierzig Jahrhunderte dauerte dieser Glauben, dass wir ein auserwähltes Volk seien und hat in wirksamer Weise die Rasse des auserwählten Volkes rein erhalten. Wenn wir für diesen Glauben einen modernen Skeptizismus und die moderne Doktrin von der Gleichheit Aller setzen, so muss mit Naturnotwendigkeit folgen, dass Mischehen, Uebertritte und Gleichgültigkeit gegenüber unseren religiösen Gebräuchen in enormer Weise wachsen werden. In solchem Falle würde nach einer unbestimmten Anzahl von Generationen das jüdische Volk verschwinden und in den Volksmengen, welche es umgeben, aufgehen. Mit anderen Worten — die Rasse ist unzertrennlich vom Glauben. So lange unsere Religion, welche auf den Pentateuch aufgebaut ist, lebt und ausgeübt wird, geglaubt und geliebt wird,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.