Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Pspj^fe ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR MODERNES JUDENTUM. ~ Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von DAVIS TRIETSCH und LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 2 Februar 1902 II. Jahrg. DIE ENTWICKELUNG DER NATIONALEN IDEE UNTER DEN JUDEN. (IHRE RELIGIÖSE UND POLITISCHE SEITE ) VON ELIM HENRY D'AVIGDOR.*) Für den Geschichtsforscher giebt es kaum ein merkwürdigeres Phänomen als die starke Antipathie, welche viele moderne Juden gegen die Entwickelung der nationalen Idee bei ihrem eigenen Volke hegen. Und dass diese Antipathie sich ebenso stark bei tiefreligiösen Juden findet, wie bei solchen, die wir, in Ermangelung eines besseren Namens, Opportunisten nennen wollen — das ist noch eigentümlicher. Denn nächst der Einheit Gottes ist die Bezeichnung der Juden als eines auserwählten Volkes die vornehmste Lehre, welche sich durch alle die fünf Bücher Mosis zieht. Keine moderne Interpretation, keine neuen Entdeckungen in Aegypten, noch Moabitische Steine können diese Lehre umstossen. Der Judaismus steht und fällt mit ihr. Wenn wir nicht das auserwählte Volk Gottes sind, wenn wir nicht besonders ausgezeichnet worden wären dadurch, dass „das Gesetz" uns bekannt gegeben wurde, und wenn wir nicht einen besonderen Schutz «annehmen dürfen, der uns über die Kriege, Zerstreuung und Verfolgungen von Jahrhunderten hinaus erhalten hat — dann ist die Grundlage *) Geschrieben 1891. Siehe auch unter „Miscellen.* unseres Glaubens zerstört, denn die ganze Struktur der mosaischen Gesetzgebung beruht auf dem Unterschied zwischen uns selbst, und den anderen Völkern. Entfernet aus der Bibel alles, was auf die Juden und das Volk Gottes hinweist, nehmet aus dem Talmud alle Unterscheidungen, die er zwischen Juden und Nichtjuden macht und was bleibt übrig? Nichts als ein trockenes Skelett ohne Leben, ohne Bedeutung und ohne Geist. Skeptische Philosophen — besonders Renan — haben diese Doktrin bekämpft und haben versucht nachzuweisen, dass sie unvereinbar sei mit der Idee von einer allweisen und allgerechten Vorsehung, während sie doch thatsächlich nichts sind als der höchste und kondensierteste Ausdruck der Resultate, welche unvermeidlich sind, wenn eine homogene Nation inmitten von korrupten Völkerschaften ein Gesetz annimmt, reiner, einfacher, gerechter, menschlicher und praktischer als das ihrer Nachbarn. Aber selbst der moderne Jude kann seine Waffen nicht aus der Rüstkammer der Skeptiker borgen, denn der ernsthafte Jude kann nicht ein Skeptiker sein. Unsere Rasse, schwach und hartnäckig zu-