Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Jüdisches Jahrbuch. Rezension / Lessing, Theodor.
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 63 - 64 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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63 Litterarisches. 64 Herzl, Ury, Nossig, Lilien, Lazarus* Wachtel vervollständigen den illustrativen Teil. Der lilterarische Teil ist dem künstlerischen ebenbürtig. Raummangel hindert uns auch hier daran, ausführlicher und eingehender zu werden. Manche Beiträge wie Martin Buber's: „Die Wege des Zionismus" („Welt44), Adolf Donath's: „Die Jüdin" („Welt"), Zlocisti's: „Juda" („Welt"), Perez's: „Die vier Testamente" („Ost und West") sind vielen Lesern ohnehin in deutscher Sprache zugänglich geworden. Von besonderem Werte für das Jahrbuch als eines agitatorischen Werkes ist Stand's Artikel: „Jüdische Moderne", kräftige Sätze, die klar und logisch sich aufbauen; sehr informativ, der Artikel Nossig's: „Ueber die Notwendigkeit von Forschungsarbeiten in Palästina". Dr. Thon spricht über die Emanzipation und die Stellungnahme der Juden zur Frage des Kampfes um die Gleichberechtigung. Sehr lesenswert ist Sokolow's Auseinandersetzung: „Los von . . . Ziontt, sachlich und aufklärend Prof. Bielkowsky's: „Die jüdische KolonialbankEine scharfe Abrechnung hält Dr. Josef Grünberg mit der jüdischen „Wohlthätigkeit". Dr. Ehrenpreis ist mit einem „Brief an E. M. Lilien" vertreten, einer feinsinnigen, persönlich gehaltenen kunstkritischen Betrachtung, zu der ein allgemein gehaltener Essay Zlocisti's: „Juda" mit seinen originellen jüdisch - historischen Deduktionen eine interessante Ergänzung bildet. Salomon Schillers: „Gedanken" geben viele Anregungen. Von poetischen Beiträgen ist da ein Drama: „Dr. Moses Blum" von David Malz. Er geisselt mit treffender Satire die assimilatorischen Unarten und Entartungen jüdisch-polnischer Bürgerkreise, denen das einfache, ehrbewusste, befreiende Element des Nationaljudentums in guten Typen entgegengehalten wird. Dem Verfasser war wohl mehr an dem Episodischen gelegen, seine Akte sind eher „Bilder" zu nennen. Es sind manche gut geschaute Szenen, aber keine tiefen Konflikte, das ganze daher kein Drama. Die Beiträge von Scherlag, Samson ben Jehuda und W. Ch. „Unsane Tokef" ergänzen das Buch würdig. Wir fassen nochmals zusammen: Das Jahrbuch ist eine Leistung, die unseren Lemberger Freunden alle Ehre macht. „Palästina", Zeitschrift für die wirtschaftliche und kulturelle Erschliessung des Landes. Das erste Heft dieser von uns bereits angekündigten Zeitschrift liegt nunmehr vor. Sie reiht sich in Bezug auf Ausstattung und Inhalt den besten sonstigen Zeitschriften dieser Art an und dürfte sich durch ihren ernsten und sachlichen, jedoch keineswegs in die allzu trockene Gelehrsamkeit verfallenden Ton bald Beachtung und Freunde verschaffen in den Kreisen derer, die an Palästina und dem Orient als einem Felde jüdischer Kolonisationsthätigkeit Interesse nehmen. Eine gewisse Analogie zwischen dem ersten Hefte dieser Zeitschrift und dem ersten Hefte von „Ost und West" dürften unsere Leser darin finden, dass in beiden das Thema „Aegyptisch-Palästina" behandelt wird. Dem Charakter der neuen Zeitschrift entsprechend, ist der Artikel „Der äusserste Südwesten Palästinas" hier mit den zuverlässigsten Unterlagen versehen, deren Beschaffung kaum leicht gewesen ist. In einem gewissen ideellen Zusammenhang mit diesem Thema steht ein weiterer Artikel über den enormen Aufschwung, welchen die Stadt Gaza in Süd-Palästina in der letzten Zeit genommen hat. Besonderes Interesse bietet diese Betonung Süd-Palästinas für diejenigen, welche die Entwickelung der Dinge beobachten und immer mehr zu der Ueberzeugung kommen, dass eine jüdische Koionisationsthätigkeit hier im Süden bedeutend leichter wird vor sich gehen können, als in irgend welchen anderen Teilen des Landes. Die Gegend von Jaffa und Jerusalem sowie Galiläa sind nämlich, wenn wir so sagen wollen, der „heiligere" Teil des Landes, das Gebiet der „heiligen Stätten" und die strittige Interessensphäre der verschiedenen Grossmächte, keines von beiden gilt für Süd - Palästina in irgendwie nennenswertem Umfange. Man ist versucht, diesen Teil das profane Palästina zu nennen, und es ist nicht unmöglich, dass eine jüdische Kolonisationsthätigkeit auch grösseren Stiles, welche im übrigen Lande den Türken wegen eventueller politischer Komplikationen nicht einwandfrei zuf sein scheint, hier von der Regierung ganz anders betrachtet werden würde. In jedem Falle ist diese Anregung wohl der Beachtung wert. Weiter erwähnen wir aus dem Inhalt der Zeitschrift» Mitteilungen über die Begründung; eines wirtschaftlichen Komitees für Palästina mit dem Sitze in Berlin, welches eine Reihe der besten Namen aufweist uifcl, wie uns bekannt, in der kurzen Zeit seines Bestehens bereits nicht unerhebliche Arbeiten geleistet hat; besonders eine Palästina-Bibliographie, deren Spezialität die Sammlung von Zeitungsartikeln und amtlichen Nachrichten der verschiedenen Kulturstaaten aus allerletzter Zeit bildet. MISCELLEN. Eine Bauernfeld-Reminiscenz. Zu des Dichters hundertjährigem Geburtstag (13. Januar) tragen wir ein Erinnerungsblatt bei, welches gerade jetzt auch in anderer Beziehung noch von Interesse ist. Bauernfeld hatte in Frankfurt a. M. die Rabbiner-Versammlung besucht, welche im Juli 1845 zur Beratung einiger wichtiger Fragen zusammengetreten war. Es lagen die folgenden 5 Thesen zur Abstimmung vor: 1. Ist die Bitte um Rückkehr nach Palästina in unsere Gebete aufzunehmen? 2. Soll um Herstellung des Tempels und des jüdischen Staates, selbst wenn wir nicht dahin zurückkehren wollen, gebetet werden? 3. Soll der Begriff emes; pefsönlichen Messias ausgedrückt werden? 4. Soll die geistige Auffassung des Messiasreiches schärfer bezeichnet werden? 5. Sollen Erinnerungen an die Vergangenheit beibehalten werden? Bauernfeld schrieb darüber in sein Tagebuch (veröffentlicht im 5. Jährbuch der Griüparzer-GeseUschaft durch C. Glossy) die folgende Notiz: „Auch in der Rabbinerversamrnlung. Gute Redner. Man verhandelte über den künftigen Messias, ob er geistig, körperlich oder gar politisch aufzufassen sei. Durch Stimmenmehrheit wurde entschieden, dass die