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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 61 - 62

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
[Rezension]
Date
1902-01-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 1)
Language
German
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61 62 LITTERARISCHES. Im Verlage voir S: Schottlaender in Breslau erschien soeben ein kleiner- Sammelba'hd „Ludwig Jakobowski im Lichte des Lebens" (Preis 2,50 M.). Er enthält Essays, Charakteristiken, Gedichte über den verstorbenen Dichter, aus der Feder seiner Anhänger und Freunde. Ich habe dem Frühverstorbenen in „Ost und West" (1. Jahrgang, Heft.8) einige Gedenkworte gewidmet; ich kann nur das vorliegende schöne Buch als Ergänzung zu ihnen empfehlen und als die beste Einführung in das Leben und die Schriften Jakobowski's. Das Buch, dessen Preis ich gleichwohl etwas zu hoch finde, ist mit einer schwermütigen Landschaft und mit Zierleisten, von H. Hirzei geschmückt; ferner mit einem feinen Porträt Jakobowski's (von Wienbroeck?). Von den 13 Beiträgen erscheint mir derjenige der Herausgeberin, Frau Marie Stona, am schönsten. Jakobowski war während zweier Sommer ihr Gast in Oesterr. - Schlesien. Sie hat Gespräche und Erinnerungen aufgeschrieben, schlicht menschlich, lebensfrisch, sympathisch. Diese Aufzeichnungen ehren den Dichter wie seine Freundin. Sodann ist der kleine Aufsatz von Georg Brandes lobenswert. Er unter- Jüdisches Jahrbuch (Rocznik Zydowski). Von Emil Silberstein (1902, 5662/3, Lemberg, Redakteur Adolf Stand.) Der erste „Rocznik" (1901) wirkte wie ein politische That. Es gab ein böses Rauschen im polnischen Blätterwald: Wie die Juden Galiziens es nur wagen könnten, in polnischer Sprache ein Dokument ihrer nationalen Eigenart zu produzieren! streicht mit sicherer Psychologie das Jüdische in Jakobowski's Wesenheit; aber er wird dem Schriftsteller nicht durchaus gerecht.; Noch wärmer und verständnisvoller ist der kleine, feine Aufsatz von Richard Maria Werner über „Jakobowski's Lyrik". Die schwächere Seite des Buches repräsentieren die beigesteuerten Gedichte; Verse von Paul Rower, Martin Boelitz, Hannah Ehlen, Thekla Lingen und Anna Ritter. Das Gedicht von Anna Ritter hat aber immerhin grosse echte. Herzenswärme. Ein überpathetisches Gedicht von A. K. T. Tielo wird durch einen interessanten Aufsatz, über „Jakobowski's volkstümliche Bestrebungen" wieder gut gemacht. Ein Aufsatz von Otto Reuter über „Laune und Ideal in Jakobowski's Drama" leidet etwas an schlechter Abstraktion, wenn auch nicht in dem Maasse, wie der Beitrag Rudolf Steiners, dessen philosophische Prätention dem gebotenen Gehalte nicht ganz angemessen erscheint. Aber auch in den schwächeren Teilen enthält das Buch noch sehr viel gutes; vor allem aber ist es ein schönes Totenopfer, von Freundschaft und Liebe gebracht. Theodor Lessing. Das diesjährige Jahrbuch ist bereits „durch alle polnischen Buchhandlungen zu beziehen.4* Es hat nicht mehr nötig, ein trotziges: „Seht her, hier bin ich" auszurufen, es tritt werbend auf mit bescheidenem Selbstbewusstsein: „Seht, wie ich bin\ Das ist der erste Fortschritt. Mit heimlicher, inniger Freude aber erkennen wir bald einen zweiten, ungleich grösseren Fortschritt: Dass dieser „Rocznik" eine That nach innen ist. Man fühlt auf jeder Seite — und das giebt dem Buche etwas ungemein Reizvolles und Intimes — wie die Herausgeber bemüht waren, die neue, beziehungsreiche Welt des schaffenden und ringenden Nationaljudentums in seelenvollen Bildern Wissenden und Nicht-Wissenden vorzuführen. Wenn der Leser gute Augen hat, so kann er staunend das junge Werden und Wachsen, das köstliche Keimen und erste Treiben belauschen. Er muss nur wollen, und kann manchen sicheren Blick thun mitten hinein in das politische, litterarische, künstlerische, gesellschaftliche Lebensgetriebe des Zionismus. Aber der „Rocznik" ist nicht nur ein gutes, er ist auch ein schönes jüdisches Buch. Das ist kein kleines Lob für die Herausgeber. Man weiss, wie bisher Bücher für das jüdische Volk „gemacht" und „ediert" wurden. Da kann es nun nicht rühmend genug anerkannt werden, wie viel Liebe und Geschmack an die schöne Ausstattung des „Jahrbuches" gewendet wurde.*) Schon das Titelblatt präsentiert sich stilvoll. E. M. Lilien, dem seine engeren Landsleute in ihrem Buche mit Recht einen Ehrenplatz eingeräumt haben, hat das Motiv des in „Ost und West" reproduzierten Ex Libris Brainin, diesmal in farbiger Darstellung und geschmackvoller Ausgestaltung, für den Umschlag verwendet. Der Künstler ist auch sonst in dem „Jahrbuch" mit mehreren' seiner schönsten Vollbilder und Zierleisten vertreten. Mit einer Reihe von Zeichnungen wurde diesmal der junge Wilhelm Wachtel beim jüdischen Publikum eingeführt. Seine Beiträge, wenn auch unter sich nicht gleichwertig, sind doch Proben (besonders sein „Wunderkind") eines sehr ansprechenden, entwickelungsfahigen Talentes. Portraits von HERMANN STRUCK. Bleistiftzeichnung. „Holländischer Bauer". *) Störend wirkt in dem „Jahrbuche" nur die durchaus nicht einwandfreie^ Reproduktion einiger Zeichnungen.

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