Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1902)
- Article
- Hermann Struck
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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27 28 HERMANN STRUCK. Von ü. Kutna. "Wenn ein junger Künstler vor wenigen Jahrzehnten sich beleben wollte, ging er nach Italien. Da sah er Komposition und Farbe, formenschöne Gestalten und heroische Landschaften, um sie zu bewundern oder zu manierieren. Dann kamen Millet, diePräraphaeliten und Jozef Israels. Heute geht man, den Künstler in sich zu wecken, nach Holland. Da sind alte Mühlen und alte Bauern, grüne Wiesen und Nebellichter, Dämmerstimmung und —Rembrandt. Da ist viel Stille des Lebens, Schlichtheit der Erscheinung, und die Seelen sind ohne Pose. Und es ist ein grosser Durst nach Schlichtheit in der Welt, man sehnt sich nach anspruchsloser Wahrheit. Darum liebt man die Ouattrocentisten, und darum kann man sich an Rembrandt nicht sattsehen. Nicht die virtuose Leistung, der Niederschlag der künstlerischen Kultur befriedigt; man will Kunst von einem lebendigen Künstler mit Seele und Stimmung und Andacht eines fühlenden Ich: „im Gemälde ist ein gemaltes Gedicht" sagte Rosetti. So ein mattes Gestrüpp im Abendschein, eine alte Frau mit matten, mit verzichtenden, lebensalten Augen, stillen, selbsterlebtenRunzeln — mit Sentiment ohne Sentimentalität erzählt — thut wohl, während der Glanz grossartiger Farben- und Kompositionstechnik nicht lockt, seitdem man die Kühle verspürt hat. Ein solcher Hollandgänger ist Eiermann Struck, und diese holländische Stimmung ist ein Grundton seines Schaffens. Stille, unscheinbare Stimniung, die sich verliert, wenn man ihr nicht nachgeht, die aufgesucht werden muss, weil sie keusch ist. Das spricht alles so leise, so verhalten, weil es nach innen verklingt. Es ist viel Sehnsucht in dem Manne, Sehnsucht nach Seele. Ohne Wollen und Absicht in der Technik, setzt er farbenstille Töne auf, und dann beginnt erst das Schaffen, in 'dem Mensch und Künstler Hermann Struck. eins sind. Dann beginnt er mit der Qual des Suchenden durch Augen und Mienen und Furchen, die das Schicksal gegraben" hindurch der Seele und ihrer Geschichte in seinen Porträtköpfen nachzulauschen oder hinter schattenden Bäumen am Dorfesrand den ersterbenden Klängen der Abendglocken. Und in all dem ist Ernst, Wehmut, Elegie. Es ist vom Besten, dass ihm gelingt, Augen zu malen, in denen ein Weinen ist; Augen mit jenem milden sanften Nachglanze, der von schlummernden Thränen erzählt, die geflossen, und die gewillt sind, wieder zu fliessen. Dieser sechsundzwanzigjährige Künstler malt fast nur alte Menschen, alt an Jahren oder alt an Leben. In diesen Menschen ist soviel von Geschichte des individuellen Lebens und Leidens und von gemeinsamer G eschichte. Etwas von Elegie der Jahrhunderte durchzittert diese Wesen; eine Trauer, die leise tönt, weil die Zeit sie milder gestimmt hat, milder und tiefer. Kein herbes Aufschreien, kein Leiden eines einzelnenEreignisses, sondern ein Leiden, das zum Wesen gehört. Es ist der Jude, der dies gesehen und der Jude, der erzählt, was er gesehen. Hermann Struck ist in einer Umgebung gross geworden, wo der Morgen mit Psalmen beginnt, in denen jenes wehe „Warum?46 angestimmt ist, das die bleichen Züge des Juden und der Ton seiner Worte weiter fragen. Es sind die Psalmen, die klagen, indem sie erzählen, und die hoffend ausklingen in ein Gebet um Hoffnung. Und diesem Kreise und seinen Psalmen, seinen Festen und seiner Wehmut ist Struck treu geblieben; erkennt die Melodien, die der Jude betet. Und diese lässt er anklingen, wenn er seine Juden darstellt. Diese Köpfe sind mit Liebe gesehen, das Sinnen und Denken ist mit Andacht belauscht. Die Geistigkeit dieser Köpfe hat etwas Vertrautes, fast Selbstverständliches in der Art. wie sie geschaut sind. Wir sind nicht reich an Porträtköpfen