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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 23 - 24

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Der fünfte Zionisten-Kongress
Date
1902-01-01
Page
Seite 23 - 24 (sequence 4)
Language
German
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23 Dr. Theodor Herzl: Der fünfte Zionistenkongress. 24 gramm. Heuer zum erstenmale findet überall beinahe gleichzeitig eine Kundgebung statt: Der Weltzionistentag. Viele hunderttausende von Juden nehmen daran teil. Durch unsere Vereine ist ein unerwartetes Leben ins Judentum gekommen. Es giebt zahllose einzelne Anstrengungen, die zusamman etwas Mächtiges darstellen. Die geistigen und moralischen Wohlthaten des Zionismus sind schon heute sehr bedeutend, das können auch unsere Gegner nicht bestreiten. Schon ist eine Plejade von Dichtern, Künstlern und Gelehrten durch unsere Idee aufgerufen und begeistert worden. Wunderbar genug: es sind, wie wir gesehen haben, nicht nur Juden. Das ist der Beweis, dass wir allgemein Menschliches verkünden und erstreben. Und schon fallen Lichtstrahlen in manchen dunklen Winkel unserer Armen. Toynbee- Hallen, Volksbildungsheime entstehen an vielen Orten. In Schule und Haus erhebt sich wieder ein Ideal vor der Jugend. An den Universitäten ist in die Studenten ein neuer Geist gefahren. Arbeiter und Handelsangestellte kommen zu höheren Diskussionen zusammen. Daneben wird die körperliche Ausbildung in Turnvereinen, die Geselligkeit in Gesangvereinen gepflegt. Genossenschaften zur gegenseitigen Unterstützung entstehen. Dies alles im Zeichen des Zionismus. Aber wir können die Anstalten nur einrichten — das Volk selbst muss sie weiter erhalten und ernähren. Und dies gilt vor allem auch von dem finanziellen Instrumente unserer Bewegung. Die Jüdische Kolonialbank in London ist heute aktionsfähig. Die Gegner haben ihr im vorhinein viel Uebles nachgesagt. Aber es gab da weder Gründergewinne noch auch Tantiemen oder irgendwelche Vorteile für den Aufsichtsrat, und die Verwalter haben kein anderes Bestreben, als die Sicherung der gesellschaftlichen Habe gegen alle Gefahren. Wir müssen auch fernerhin dafür sorgen, dass dieses Gut mit der grössten Gewissenhaftigkeit gehütet werde, sparsam und lieber zu ängstlich als zu mutig. Der Kongress übt die Aufsicht durch seine freigewählten Organe aus, und darin liegt der Wert der Einrichtung. Es muss über die Verwaltung öffentlich Rechenschaft gelegt werden. Die Mittel, welche für den Volkszweck da sind, können nicht durch die Launen oder Fehlmeinungen einzelner Personen für etwas anderes verwendet werden. Dieses Finanzinstitut muss nach den vom Kongresse vorherbestimmten Grundsätzen und mit der Sorgfalt eines guten ängstlichen Familienvaters geleitet werden. Und jetzt, da es existiert, können wir auch an die Ausführungen des Planes schreiten, den unser verewigter Freund, der Heidelberger Universitätsprofessor Schapira, dem ersten Kongresse vorgelegt hat: die Schaffung des Nationalfonds. Die Kolonialbank in London wird die Depotstelle sein. Sie werden im Verlaufe unserer Verhandlungen den neuen Entwurf kennen lernen, und darüber beschliessen, Das Volk soll nicht nur der Stifter, sondern auch der dauernde Herr dieses Zweckvermögens sein. Dadurch sind willkürliche, von den Absichten des Stifters abweichende Verwendungen ausgeschlossen. So können wir in einem gewissen Sinne sagen, dass wir mit unserer ersten Aufgabe fertig sind. Die Institutionen sind vielfach nur angedeutet und verbesserungsfähig, aber sie sind vorhanden. Das jüdische Volk kann sie ausbauen, verstärken und benutzen, wenn es will. In allem haben wir uns bemüht, Unpersönliches einzurichten. Nur das hat Dauer. Kein einziger von uns ist heute mehr unentbehrlich. Wer immer von uns verschwinde oder aus den Reihen falle, die Sache geht weiter. Wie schnell oder wie langsam die von uns vorbereiteten Wirkungen eintreten werden, das können wir nicht bestimmen. Von uns hier hängt es nicht ab. Wir konnten nur die Anlage herstellen, die Kraft können wir nicht liefern. Die Kraft muss vom jüdischen Volke geliefert werden — wenn es will.

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