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Ost und West · 1902-01-01 · Heft 1 (Januar 1902) · p. Seite 15 - 16

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 1 (Januar 1902)
Article
Moses im Lichte der jüdischen Volksseele
Date
1902-01-01
Page
Seite 15 - 16 (sequence 5)
Language
German
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15 Bernhard Münz: Moses im Lichte der jüdischen Volksseele. 16 Torauseilender Religionsstifter, Gesetzgeber und Staatsmann, der der Ewigkeit angehört, vergisst über seinen hehren, ein Meer von Licht ausstrahlenden Zielen nicht, dem Sehnen derer gerecht zu werden, welche gesäet haben und hart an der Schwelle der Ernte stehen! Und er unterordnet die sogenannte Staatsraison dem Liebesglücke Jungvermählter, denn „wenn jemand kürzlich eine Frau genommen, so soll er nicht mit dem Heere zu Felde ziehen, auch zu keinem anderen öffentlichen Dienste angehalten werden; ein ganzes Jahr soll er für sein Haus frei sein, damit er die Frau, die er geheiratet, erfreue" (Deuteronom. 24, 5). Ist dies nicht phänomenal, verblüffend und zugleich im Tiefinnersten erschütternd? Kein Oberhaupt eines Volkes hat sich so um alle Einzelheiten desselben bekümmert, ist so in die detailliertesten Verhältnisse desselben eingegangen, wie Moses es gethan. Er denkt an alles und jedes und paart mit Strenge immer Edel- und Zartsinn. Und wie er die Menschen in Liebe umfasst, so auch die Tiere. Die Bibel hat wirklich ihresgleichen nicht, sie ist das Buch der Bücher. Geist und Sinn hat ewige Unrast, doch im Herzen keimt die Liebe. Bei unserem Lehrer Moses sind die Seelenkräfte so innig verschmolzen, dass es fürder nicht gelingen kann, zu trennen, was getrennt doch war. Er ist der Herzens weise par excellence. ' Bei aller Grösse und Erhabenheit dichtet die jüdische Volksseele Moses auch einen Zug von Einfalt und Kindlichkeit an. Nachdem Israel des Manna überdrüssig geworden und wegen des Mangels an Fleisch gemurrt hat, teilt der Herr Moses mit, dass er dem Volke Fleisch bescheren werde, bis dass es ihm zum Ekel sein wird, worauf der demütige Gottesmann, der schon so viele Wunderthaten des Herrn erlebt hat, gewiss nicht etwa skeptisch, sondern im Drange seiner Naivität erwidert: „Sechsmal hunderttausend Mann Fussvolks ist es, darunter ich bin; und du sprichst: Ich will euch Fleisch geben, dass ihr esset einen Monat lang. Soll man Schafe und Rinder schlachten, dass ihnen genug sei? Oder werden sich alle Fische des Meeres hierzu versammeln, dass ihnen genug sei?* (Num. 11, 21 u. 22). Freilich trägt ihm diese Entgegnung einen Vorwurf des Herrn ein, der an seinen treuesten Diener als solchen den höchsten Massstab anlegt und mit ihm streng ins Gericht glht. i- Und da Gott ihm, weil er gegen sein Geheiss nicht mit dem Felsen gesprochen, sondern auf_ ihn zwdmal geschlagen, das Urteil spricht, dass er Israel nicht in das Gelobte Land bringen werde (Num. 20, 12), verlegt er sich nicht auf Thränen, Bitten und Klagen, sondern geht, von der Gerechtigkeit Gottes durchdrungen, als ob nichts geschehen wäre, heroisch weiter seiner idealen Berufsthätigkeit nach. Und an einer anderen Stelle sehen wir ihn sein Haus vor dem Tode gleich einem sorgsamen Familienhaupte bestellen. Seine Familie ist das ganze Volk Israel. Er ist darauf bedacht, dass sein Volk nach seinem Hinscheiden nicht den Anblick einer Herde ohne Hirten darbiete, und bittet Gott, ihm noch bei Lebzeiten einen Nachfolger zu.geben (Num. 27, 16). Allerdings erscheint dieser gewaltige Markstein in der Geschichte Israels im Deuteronomium (3, 23 ff.) in einem ganz anderen Lichte. Moses erzählt, dass er zu Gott gefleht habe, er möge ihn über den Jordan ziehen lassen, damit er das den Kindern Israels verheissene Gelobte Land zu sehen bekomme. Doch waren hierfür selbstverständlich nicht kleinliche^ engherzige, selbstische Motive massgebend, sondern der nur zu begreifliche Wunsch, das Land zu sehen, in welchem sein Schmerzenskind Israel post tot discrimina rerum endlich zur Ruhe kommen werde. Hochinteressant ist es, dass schon Moses den blinden, willkürlichen, zügellosen Willen leugnet, den Indeterminismus, das liberum arbitrium indifferentiae nicht gelten lässt. Freilich ist er noch nicht so weit gekommen, dass er nur eine relative Bedingtheit des Willens durch den Intellekt annehmen würde. Der Wille ist ihm durch Vernunftgründe absolut determiniert, Einsicht und Handeln, Wissen und Leben decken sich ihm mit Notwendigkeit; sehen wir doch, dass er den Abfall seines Volkes von Gott auf einen Mangel an Einsicht zurückführt, ihn geradewegs als einen Akt der Unwissenheit hinstellt: „Dankest du also dem Ewigen, du nichtswürdiges, unweises Volk?" (Deuteronom. 32, 6). Und in dej^Folge legt er Gott die Worte in den Mund, dass er das" AM*enlf:en Israels unter den Menschen vertilgen würde, wenn er nicht befürchten müsste, dass das Volk, das er gegen sie aussendet, sich rühmen würde, durch eigene Kraft den Untergang Israels herbeigeführt zu haben; denn „keine Vernunft ist in ihnen. Wären sie weise, sie würden bedenken und den Ausgang überlegen" (32, 28 u. 29). Das video meliora proboque, deteriora sequor ist begreiflicherweise dem festgefügten, wie aus einem Gusse gemachten Moses, der eine Welt aus den Angeln gehoben und eine neue gleichsam aus nichts geschaffen hat, entgangen. Und diese einseitige Hervorkehrung des intellektuellen Momentes, diese Ueberschätzuog des Wissens, diese vollständige Ignorierung des Willens beherrscht die ganze biblische Litteratur. Nirgends begegnen wir dem Gedanken, dass der Wille keinem wie immer gearteten Zwange unterworfen, der wahrhaft freie, der vernünftige Wille von innerer Nötigung; frei ist, dass die Einzelentscheidung im Charakter, d. h. in der durch Vernunft- und Willensbildung gewonnenen Grundrichtung des Geistes, in der Gesinnung, der habituellen Haltung des Willens liegt. Wir könnten beispielsweise eine Fülle von Stellen aus den Proverbia anführen, in denen die Weisheit und die Sophrosyne gleichgesetzt, identifiziert werden, die auf die Gottesfurcht gepfropfte Weisheit als die Panacee der Tugend gepriesen wird.

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