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Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 953 - 954

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Aphorismen / J. von Döllinger
Date
1901-12-01
Page
Seite 953 - 954 (sequence 2)
Language
German
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953 Aphorismen. 954 zur Verbreitung und Geltendmachung dieser Wahrheit notwendig oder dienlich ist. Wo dieses Prinzip herrscht, wie es in dem ganzen Jahrtausend von 500 bis 1500 herrschte und heute noch von denen Vertreten wird, welche die mittelalterliche Weltanschauung festhalten, da muss selbst der Begriff der Gerechtigkeit als verdammlicher Wahn erscheinen — jener Gerechtigkeit nämlich, welche den Menschen nach seiner Erziehung, seinen Neigungen und Vorurteilen zu verstehen, sich in seinen Gedanken und Sympathienkreis zu versetzen und ihn demgemäss zu behandeln, zu entschuldigen, sein Abweichen von unseren Bahnen des Denkens, Glaubens und Handelns zu ertragen, 'sein Recht der Selbstbestimmung zu achten vermag. Die christliche Religion hat diese Gerechtigkeit zusammengefasst in dem Gebote der Nächstenliebe' nach dem Maasse der Selbstliebe, aber in fast unabsehbarem Umfang ist von den Herrschenden wie von der Masse, von den Lehrern, wie von den Zöglingen, von Wissenden und Unwissenden dieses höchste Gebot nicht verstanden, ignoriert, übertreten worden. Wie es jetzt in der Gegenwart damit stehe, das zu sagen ist nicht meine Aufgabe. Das aber ist leicht zu erkennen, dass eine Nation um soviel höher steht als Trägerin der Kultur, je grösser in ihr die Zahl der von dieser höheren Gerechtigkeit durchdrungenen Personen ist und je besser ihre Institutionen dieselbe zu schirmen und zu bethätigen geeignet sind. Wo die Wechselbeziehungen der Menschen zu einander das religiöse Gebiet berühren, da pflegt man den Mangel der hier erörterten Tugend Fanatismus zu nennen, und es hat Zeiten gegeben, in denen auch die besten Männer und die edelsten Charaktere fanatisch dachten und handelten, so dass nunmehr für uns die Notwendigkeit sich ergiebt, in dem Weltgericht der Geschichte die Wohlthat jener Gerechtigkeit gerade auch ihnen angedeihen zu lassen, ihnen, welche sie selber im Leben verleugnet und ihren Mitmenschen versagt haben." (Aus der Rede, gehalten in der Festsitzung der Akademie der Wissenschaften in München am 25. Juli 1881, von J. von Döllinger.) # Nach meiner Ansicht sind es zwei Ursachen, welche den Mangel an historischer Litteratur bei uns Juden erklären: 1. Im engen Kreise, wo das Leben nicht dramatisch verläuft, wo militärische und politische Thätigkeit vollständig fehlt, wo der Grösste sich ducken muss, wo Ackerbau und demgemäss die Liebe zur angestammten Scholle nicht gedeihen können, ist auch kein Platz für den weiten Blick und das stolze Selbstbewusstsein des Historikers. Grosse Kriege bringen grosse Historiker hervor. Grosse Eroberer, grosse Herrscher, politische Revolutionen und im allgemeinen aufgeregtes politisches Leben produzieren, wenn »Ruhe und Wohlstand wieder einkehren, bedeutende Geschichtswerke. 2. Die Fähigkeit und die Gewohnheit, zu beobachten und das Beobachtete festzuhalten, verlangt ein hochentwickeltes, prosperierendes Milieu. Im Ghetto wird diese Fähigkeit durch die Enge des Lebens erstickt. Das Ghetto kannte kein Mittelding zwischen Vergötterung und Verachtung. Max Heller (New Orleans). * Ich müsste befürchten trivial zu werden, wollte ich es unternehmen auch nur ein Wort zur Charakteristik der Bibel hier zu sagen. Es muss genügen, daran zu erinnern, dass die Bibel das Buch des Altertums, das Buch des Mittelalters und — wenn auch nicht auf öffentlichem Markte — das Buch der Neuzeit ist. Was bedeutet Homer, was die Veden, was der Koran neben der Bibel! Und sie ist unerschöpflich; jede Zeit hat ihr noch neue Seiten abzugewinnen vermocht. Adolf Harnack, (Die Aufgabe der theologischen Fakultäten und die allgemeine Religionsgeschichte. Rede 1901.) #• Der krankhaft einseitige, unechte Nationalismus, der [mit plumpen Fingern eine ganze Menge wirklicher Kulturerrungenschaften angreift, ist sehr intolerant. Er möchte am liebsten die grosse Kette gemeinsam ererbter Güter durchbrechen und zwischen sich und den anderen Völkern eine ganze Welt von Wertverschiedenheiten künstlich errichten. Aber es giebt auch einen anderen verfeinerten, gereifteren Nationalismus. Dieser sperrt sich gegen den Windhauch des „guten Europäertunis" nicht ab. Er will das nationale Ausleben gleichsam erweitern und erhöhen durch Aufnahme aligemeiner Kulturelemente. National und universell heisst die Parole eines solchen Nationalismus. Dr. Paul Weisengrüii. <5&*^^>£C

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