Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-12-01 · Heft 12 (Dezember 1901) · p. Seite 931 - 932

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 12 (Dezember 1901)
Article
Gedichte von Else Lasker-Schüler
Date
1901-12-01
Page
Seite 931 - 932 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583889-2584800--01150-2584902
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

0 entity mentions (2 not found in this text)

931 932 GEDICHTE VON ELSE LASKER-SCHUELER*) Von S. Lublinski. Man erinnert sich, dass ich kürzlich in einem Aufsatz, der immer noch vielfach missverstanden wird, geleugnet habe, dass die Rassenabstammung das einzig entscheidende Element für die Wesensart eines Menschen wäre. Aber eines dieser, entscheidenden Elemente ist sie ganz gewiss, und zwar wird sie dort besonders hervortreten, wo die dunkle und tiefe Mystik des Gefühlslebens und der Instinkte zu reden beginnt. Jede echte Lyrik beruht weit mehr als jede andere Dichtung aut dem Instinkt, und so, wird man sich nicht wundern, dass in dem vorliegenden Gedichtbuch von Else Lasker- Schüler Zeile für Zeile ihre Herkunft von einer uralten und mächtigen Rasse zu erzählen weiss; sie bewährt sich als späte und nicht unwürdige Enkelin jener uralten Sänger, die einst die Psalmen oder das Buch Hiob gedichtet haben. Namentlich die Eigenart ihres Naturempfindens offenbart eine altjüdisch-orientalische Prägung, deren Kraft und Glut durch die denkbar feinste moderne Seelendifferenzierung keineswegs geschwächt, wohl aber verinnerlicht wird. Im Gegensatz zum Hellenentum bevorzugte die altjüdische Naturschilderung der Bibel nicht klare und runde und episch abgegrenzte Bilder und Gleichnisse, sondern suchte im Gegenteil die verschwebende und unendliche kosmische Natur auf: das Morgen- und Abendrot, die Winde und die Wüste, unendliche wogende Wolken, Stürme und Donner oder auch flüsternden Zephyr. Genau so sieht und empfindet Else Lasker- Schüler. In dem wilden Gedicht „Mein Sturmlied" ist sie ein brennendes AU, dieverdorrende Hochsommererde, und will Ströme in sich einsaugen, und der Geliebte soll kommen wie ein Sturmlied, wie ein Gewitter, und soll aus grollenden Wolkenmassen die tränkendem Ströme auf sie niederschütten. Es ist, als ob Wüste und Gewitter sich mit einander vermählten, wie einst am Sinai, und zugleich ist es doch ein intim persönliches modernes Liebeslied. Noch viel bedeutendere Gedichte dieser Art sind „Orgie", „Mein Drama", „Elegie" *) Styx. Verlag von Axel Juncker, Berlin. und „Vergeltung"; vor allem „Chronika", diese eigenartige Familiengeschichte in einem felsenstarren al fresco-Stil. Ueberall diese intime und merkwürdig tiefe moderne Seele in Verbindung mit einer unendlichen kosmischen Natur. Manchmal überflutet das Kosmische alle Dämme, alle Konturen werden verwischt und die Bilder und Gleichnisse erhalten etwas Dunkelwogendes und Rätselhaftes. Aber man wird fortgerissen von dem wilden Gefühlsstrom, von' dieser modern differenzierten alttestamentarischen Urkraft. Man hat manchmal geradezu das Empfinden, als ob in dieser tiefen und leidenschaftlichen Seele von neuem und in ganz persönlicher Art jener Kampf ausgefochten wird, der am Eingang der altjüdischen Geschichte steht: der Kampf zwischen Baal und Jehovah. Der Kampf zwischen wilden Naturinstinkten, die sich selbst vergöttern, und dem Sittengesetz. Diese Dichterin mit dem starken Empfinden für freie und vornehme Sittlichkeit empfindet doch auch ein Grauen vor den kochenden Naturkräften in ihrer Seele: „Vagabunden5', „Chaos", „Ballade" und der schaurig schöne „Selbstmord", vielleicht die Krone der Sammlung. Und manchmal steigt in ihr das tiefe Empfinden auf, dass es trotz alledem keine „böse" Natur giebt und dass ihr in lächelnder Güte verziehen werden wird. Dann taucht sie ihr Grauen in Schönheit: „Urfrühling" und der „Gefallene Engel". Und ein andermal spielt sie damit in köstlich kindlichem Humor: „Mairosen" und namentlich das prächtig fromme Scherzo: „Im Anfang", der sich geradezu zum Welthumor erhebt. Ueberall aber, auch in rein psychologischen Gedichten, wie „Mutter", „Weltflucht" und „Lenzleid", ist kosmisches Naturempfinden im Hintergrund und erhebt das Gedicht weit aus dem individuellen Sonderfall heraus. Diesen kosmischreligiösen Zug verdankt sie zweifellos ihrer jüdischen Abstammung, und sie hat dem Judentum in zwei Gedichten dieser Sammlung, die kürzlich in „Ost und West" veröffentlicht wurden, gehuldigt. Wer über die moderne Lyrik mitreden und zugleich Einsicht gewinnen will in den Zusammenhang von Rasse und Dichtung, der lese „Styx" von Else Lasker-Schüler.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.