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Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. Seite 811 - 812

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Article
Eine völkerpsychologische Betrachtun des Judentums
Date
1901-11-01
Page
Seite 811 - 812 (sequence 6)
Language
German
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Bll Bernhard Münz: Eine völkerpsychologische Betrachtung des Judentums. '812 geschlossenen Staatsorganismus zu vereinigen,, sie zu derselben Kulturstufe zu erheben, in ein befreundetes Verhältnis zu einander zu bringen, durch das Band gleicher Sprache, gleichen Rechtes und Gesetzes zu umspannen und zugleich die allerorten zerstreuten Elemente menschlicher Geistesentwickelung in seinem Schoosse zu sammeln und zu einem unvergänglichen Erbteil für die nachfolgenden Geschlechter zu verarbeiten. Das war eine Einheit, eine Gleichheit, eine Gemeinschaft, wie sie die Welt ncch nie zuvor in solchem Maasse und in solcher Ausdehnung gesehen hatte. Allein das stolze Gebäude, welches nach Jahrhunderten und abermals Jahrhunderten harter Arbeit bis zur Zinne vollendet war, zerfiel in Trümmer und musste mit Notwendigkeit in Trümmer zerfallen. . An der politischen Einheit und Gleichheit haftete nämlich von Anfang an ein organisches Gebrechen; sie vernichtete unwiderruflich das teure Kleinod der politischen und nationalen Freiheit. Nachdem sie ihre Aufgabe rühmlichst gelöst und sich selber demzufolge überlebt hatte, räumte sie das Feld, um einer Einheit von höherem Werte Platz zu machen, welche ihrem Wesen nach der Nationalität ihr volles Recht widerfahren lasst und von Haus aus auf rein sittlicher Grundlage fusst. Den neuen Bedürfnissen entsprechend, trat das Christentum auf die Weitbühne, um ein internationales Band um die verschiedenartigsten Völker zu schlingen, wie sehr sie auch sonst einander widerstreben mochten. Ist die Urgeschichte des Christentums aber im Grunde genommen etwas anderes als wesentlich die Geschichte des Judentums? Liegt das Geheimnis seines Werdens nicht in den heiligen Büchern enthüllt vor uns? Ist die Welt nicht jüdisch geworden, indem sie sich zu den Gesetzen der Demut, Milde und Menschlichkeit bekehrte, welche von Jesus und seinen Jüngern gepredigt wurden, wie vordem von unseren Propheten? Der mitten in den politischen Wirren, den entsetzlichen religiösen Verirrungen und der sittlichen Fäulnis ertönende Weckruf des Jesaias (49, 1, 6), der jüdische Gott sei kein nationaler, sondern ein internationaler Gott, Israel solle nicht allein zur Errichtung des Gottesreiches auf Erden erzogen werden, sondern durch Israel alle Völker, — die von dem verzückten Seher verkündeten Worte: „Höret, ihr Inseln, auf mich, und horchet auf, ihr Völker in der Ferne! . . Gott spricht: es ist zu gering, dass du mein Diener seiest, aufzurichten die Stämme Jakobs und den Ueberrest Israels zurückzuführen; ich mache dich zum Lichte der Völker, dass mein Heil reiche bis zum Ende der Erde" haben sich glänzend bewahrheitet, denn die Anfänge des Christentums müssen mindestens 750 Jahre vor Christi Geburt in die Epoche verlegt werden, in welcher die gottbegnadeten und gottinnigen Propheten durch Vertiefung und Verinnerlichung der mosaischen Lehre ihr das Schicksal des Vogels Phönix bereiteten*, sie zur universalen, die ganze Menschheit umfassenden Ethik abklärten. Ihr unvergleichliches Verdienst ist es, dass dem Judentum nach langwierigen Kämpfen gegen den rohen, grob sinnlichen, selbstischen Naturalismus, welcher Gott zu einem nationalen Schutzgotte herabwürdigte, der nach dem Muster aller anderen Nationalgötter sein Volk, den Klienten, nach Belieben schirmt oder verwirft und danach die Gewogenheit seiner Verehrer gewinnt oder verscherzt, der strenge Monotheismus sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen war, dass es sich endgültig zu dem einig-einzigen, unsichtbaren, übersinnlichen Gott bekannt hat, welcher aus Liebe die Welt geschaffen und die lautere Religion geoffenbart hat, in deren Mittelpunkt die goldenen Lehren: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst44 und „Was du nicht willst, das man dir thue, das thue auch einem anderen nicht" prangen. Es klingt fürwahr wie Sphärenharmonie, wenn die Propheten ihrem Volke zu bedenken geben, dass der wahre Gottesdienst durchaus nicht etwa in äusseren Ceremonien, sondern in der Läuterung des inneren Menschen, in der religiösen Gesinnung und sittlichen That besteht, dass der Buchstabe tötet und der Geist belebt, wenn z. B. Jesaias (1, 10—17), entflammt von heiligem Feuereifer, an Israel den eindringlichen Appell richtet: „Höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodom, nimm zu Ohren unseres Gottes Gesetz, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von den Gemästeten, und habe keine Lust zum Blute der Farren, der Lämmer und Böcke . . . Bringet nicht mehr Speiseopfer so vergeblich. Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel . . . Meine Seele ist feind euren Neumonden und Festen, sie sind mir zur Bürde, ich kann sie nicht mehr ertragen. Und wenn ihr schon eure Hände ausbreitet, entziehe ich euch doch meine Augen; wenn ihr eure Gebete noch so sehr vermehret, so höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blutes. Waschet, reiniget euch, thut euer böses Wesen hinweg von meinen Augen, lasset ab von Uebelthat; lernet Gutes thun, trachtet nach Recht, helfet den Unterdrückten, schaffet dem Waisenkinde Recht und führet der Witwe Sache." Der Fortsetzer des alten und authentischen Jesaias, jener so wunderbare religiöse Genius, welcher uns unter dem Namen des zweiten Jesaias bekannt ist, fasst das Verhältnis des Volkes zu Gott als einen Ehebund auf und brandmarkt den Abfall von Gott als Untreue und Buhlerei. Desgleichen lässt Jeremias (31, 2, 3) Gott zu Israel als seiner Geliebten und Verlobten sprechen. In prägnantester Weise äussert sich der jüdische Volksgeist in der von Moses eingeführten theokratiscben Regierungsform, welche Jährhunderte hindurch die einzige Grundlage der Staatsverfassung war und blieb. Unter den natürlichen Folgen, welche sich aus dem theokratischen Staatsrechte ergeben, steht die bürgerliche Gleichheit obenan; die Kaste ist unwiderruflich verurteilt; sie gehört dem Reiche der Unmöglichkeiten an. Vor Gott giebt es keinen Unterschied der Person; alle Israeliten, ob sie nun Häupter, Aelteste und Anitsleute, oder Holzhäuer und Wasserschöpfer sind, sind Abkömmlinge eines Stammvaters,Mitglieder einer Familie, sämilich Erstgeborene und Auserkorene, Teilnehmer an dem Bunde und Bundesgesetze, durch das Gebot der Liebe verbrüdert. Damit Israel das Prinzip der vollkommenen Gleichheit aller anerkenne und würdige, musste ein jeder, ob arm oder reich, zur Errichtung des ersten sichtbaren Heiligtums in der Wüste ausser der freiwilligen Gabe noch einen halben Schekel als Opfergabe darbringen. „Der Reiche", heisst es im Exodus, „soll nicht mehr geben und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel." Dies sollte zur Lehre dienen, dass das Wohl der Gesamtheit auf der Gleichheit der ethischen Persönlichkeit der Einzelnen beruhe und durch sie bedingt werde. Frei und ungehindert entfalten die Kinder Israels ihre Kräfte, Fähigkeiten und Eigenschaften auf dem Allen gemeinsamen Boden. Die Frauen machen keine Ausnahme hiervon. Sie erfreuen sich im Gegensatz zu den Frauen aller anderen alten Völker der gleichen Selbständigkeit und Wertschätzung wie die Männer. Die Bibel, die älteste Urkunde des Menschengeschlechts,

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