Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-11-01 · Heft 11 (November 1901) · p. None

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 11 (November 1901)
Date
1901-11-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583888--00987-2584714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

11 entity mentions

Ost4fa sr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR MODERNES JUDENTUM. ~ Herausgegeben unter Mitwirkung von Prof. Dr. Martin Philippson # Prof. Dr. Ludwig Geiger # Prof. Dr. D. Joseph Prof. L. Kellner * Prof. Dr. M. Lazarus # Prof. Mandelstamm # K. K. Baurat Wilhelm Stiassny (Wien) * Prof. Dr. Otto Warburg * Baron David Ginzburg * Mathias Acher (Dr. Nathan Birnbaum) * Dr. S. Bernfeld * M. Buber * Achad Ha'am * Dr. Heinrich Meyer Cohn * Dr. Moses Gaster * Robert Jaffe * S. Lublinski # Dr. Rudolph Lothar * E. M. Lilien # Dr. Max Nordau * Dr. Alfred Nossig * Nahida Remy * N. Sokolow # Dr. Ernst Tuch * Lesser Ury * Jacob Wassermann * Dr. S. Werner. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 11 NoTemtoer 1901 EINE VÖLKERSPYCHOLOGISCHE BETRACHTUNO DES JUDENTUMS. Von Bernhard Münz. „Le peuple juif," sagt Pascal in seinen „Pensees", „n'est pas seulement considerable par son antiquite, mais il est encore singulier en sa duree, qui a toujours continue depuis son origine jusqu'ä maintenant . . . Setendant depuis les premiers temps jusqu'aux derniers, Thistoire des juifs enferme dans sa duree celle de toutes nos histoires." Die Existenz Israels ist in der That eines der merkwürdigsten, wunderbarsten Probleme der Menschengeschichte, Wir sehen, dass alle historischen Erscheinungen, die man bis jetzt hat beobachten können, nur ihrer Zeit angehören; sie treten durch das Zusammenwirken verschiedener Umstände ins Dasein und verschwinden früher oder später, der Macht anderer Umstände unterliegend. Nur eine Thatsache bildet eine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel und will sich nicht diesem historischen Gesetze unterordnen. Ein Volk schreitet mitten durch die ganze Geschichte der Menschheit, spiegelt in sich den grössten Teil ihrer Entwickelt!ng wieder und taucht aus allen Prüfungen und Umwälzungen der Zeit immer wieder gestählt und gefestigt empor. Ob der Methusalem unter den Völkern auch des Lebens bitteren Kelch bis auf die Neige leeren musste, ob auch sein Dasein eine kaum zu überbietende Tragödie war, so steht er doch noch heute aufrecht, ungebrochen und jugendfrisch als ein scharf ausgeprägtes, selbständiges geistiges Individuum da. Alles scheint sich gegen Israel verschworen zu haben, Himmel und Erde, aber es hört trotzdem nicht auf, sich mächtiger zu fühlen als sein Schicksal und stärker als alle irdischen Gewalten. Ja, es erreicht seinen Höhepunkt gerade zur Zeit seines Falles. Die Niederlage ist sein Triumph. Die vorher lange Zeit in enge Schranken gebannte und wie Feuer unter der Asche glimmende Triebkraft bricht nach jeder Katastrophe gleich der Lava eines Vulkans mit unwiderstehlicher Gewalt hervor, verbreitet sich ringsum wie verzehrende Flammen und erstrahlt weithin in hellerem und glänzenderem Lichte als früher. Der Fall Israels bildet im Gegensatze zu den anderen Völkern stets nur die Morgenröte einer neuen glorreichen Epoche. Wenn man sich die Weltgeschichte in Form eines Kreises denkt, so wird die jüdische Geschichte die Stelle des Durchmessers einnehmen, welcher durch den ganzen historischen Kreis geht; die Geschichte anderer Völker hingegen wird durch Sehnen dargestellt, welche nur kleinere Teile des Kreises begrenzen. Die Geschichte des jüdischen Volkes durchläuft gleich einer Centraiachse die ganze Geschichte der Menschheit von deren einem Pol bis zum anderen. Einem ununterbrochenen Faden gleich zieht sie sich von den Urcivilisationen Aegyptens und Mesopotamiens bis zu den modernsten Kulturen hin. Ihre Perioden lassen sich mit Jahrtausenden messen. Man wird dagegen einwenden wollen, dass auch andere Völkerstämme, z. B. in Indien und Amerika, die Vernichtung ihrer Selbständigkeit in gleicher Weise überlebt und überdauert haben. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass diese ein völlig isoliertes Dasein geführt haben und weder durch ihre Ideen noch durch ihre Thaten auf die übrige Menschheit irgend einen Einfluss ausgeübt haben. Der Jude hingegen ist den grossen geschichtlichen Vorgängen niemals fremd geblieben. Wir sehen ihn zu jeder Zeit mit seinen religiösen und moralischen Ideen, mit seiner geistigen Energie und der Zähigkeit seiner Initiative in den Entwickelungsprozess der Menschheit eingreifen. Er durch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.