Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-10-01 · Heft 10 (Oktober 1901) · p. Seite 781 - 782

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 10 (Oktober 1901)
Article
Rocznik Zydowski [Illustration]
Date
1901-10-01
Page
Seite 781 - 782 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
illustration document
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583887-2584525--00959-2584602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

781 Miscellen. 782 Das nebenstehende Titelblatt des „Rocznik Zydowski" rührt von einem jüdischen Künstler, Wilhelm "Wachtel, her, von welchem wir demnächst einige weitere Zeichnungen reproduzieren werden. Der noch sehr junge Künstler ist zu Lemberg als Sohn eines armen Handelsmannes geboren, besuchte die Krakauer Kunstschule und ging später nach München. Gegenwärtig findet in Lemberg eine Ausstellimg seiner Werke statt, welche grossen Beifall finden. Rosa Pomeranz, Im Lande der Not. Breslau (S. Schottländer). 306 S. 3 M. Rein künstlerisch ist das vorliegende Werk — leider! — durchaus wertlos. Aus tausend Gründen. Aufzählen mag ich sie nicht. Ich würde mir selbst damit wehe thun, weil mir das Buch lieb und teuer ist. Das gute, treue jüdische Herz pocht einem aus jeder Zeile entgegen. So echter, hochaufgerichteter Judenstolz hat es geschrieben, so liebevolles, inniges Sichversenken in das stille Leiden- und Freudenleben unserer galizianischen Stammgenossen, dass mich all die Gebrechen im Grundriss und die naive Unbeholfenheit im Ausbau der Erzählung mehr rührten, als störten. Das Werk ist auf dem Boden Halbasiens gewachsen. Pomeranz sieht ihre kleine Judenwelt mit den Augen dieser Judenwelt, und ihre Wertungen seelischer Eigenheiten ergeben, sich aus den Urteilen des. Ghettos. Dort wo sie auf traurige Entartungsmarken hinweisen rhuss, wo sie verurteilt und straft, leidet sie selbst schwer. Wie eine Mütter sich selbst mehr wehe thut als ihrem Kinde, das sie züchtigt. Wenn das Buch überhaupt mit Künstlerhand geformt wäre, es wäre eine schöne Probe echter und edler Heimatkunst — im neuen Sinne. Die Richtung dorthin ist gegeben. Gewiss! Das ganze Buch klingt uns wie hilfloses Stammeln. Aber es geht uns näher und tiefer, als die bewusste, treffsichere Kraft vollendeter Rede. Wir haben die geschulten Redner gehört. Aber sie haben uns verletzt, denn sie wollten unsere galizianischen Brüder nicht heben und bessern mit ihrer Rede, sondern ändern — „entnätionalisieren" (wie sie es nannten). Als ob die Verstumpfung und Versumpfung des jüdischen Lebens in Mitteleuropa ein erstrebenswertes Ideal wäre! Darum ist. mir die Erzählung der Pomeranz so vielmal lieber, als die künstlerisch mehr durchgeführten halbasiatischen Schilderungen anderer Autoren, die ihren Mund zu höhnischem Lächeln spitzend verzerren und die mit ihrer dummen Ironie einen anwidern. Ich wünschte, dass das „Land der Not" ein Baustein würde für die Brücke, die Verständnis und Gemeinsinn fördere zwischen der deutschen und der einstdeutschen (polnisch-russischen) Judenheit.*) Berlin. Theodor Zlocisti. # Mittelalterliches aus Rumänien. Dank der Entschiedenheit, mit welcher der Rabbiner Dr. Nacht aus Fokschan die ihm vom Tribunal zugemutete Anwesenheit bei einer unter der Bezeichnung .,More judaico" bekannten Eidesabiegung abgelehnt hat, dürfte nun doch endlich ein schmähliches Ueberbleibsel mittelalterlichen Rassenhasses aus der rumänischen Gerichtspflege verschwinden. Bis jetzt war es nämlich im rumänischen Civilprozessverfahren zulässig, dass von einem zur Eidesabiegung verhaltenen Israeliten aul Verlangen der Gegenpartei die Ablegung des Schwurs unter Formalitäten gefordert wurde, denen man ganz ohne alle Veranlassung die Bezeichnung „More judaico" (nach jüdischer Sitte) beigelegt hatte. Dem Eidesp tüchtigen wurden wie einer Leiche die Fingernägel beschnitten, und dann wurde er, nachdem an ihm die rituellen Waschungen vorgenommen worden waren, in die Synagoge geführt, wo er sich, mit dem weissen Sterbehemde angethan, in einen Sarg legen und in Gegenwart des Rabbiners eine Eidesformel nachsprechen musste, die ihrem wesentlichsten Inhalte nach *) Bei einer Neuauflage dürfte es sich empfehlen, dass die zahlreichen hebräischen Redefloskeliv die zur Anähnlichung an den Dialekt gebraucht wurden, der wirklichen Aussprache nach transskribiert würden. Jetzt ist ein wirres Gemisch halb „polnischer", halb „poitugiesischer" Aussprache von der Verfasserin geschaffen worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.