Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Betende Juden an der Klagemauer [Illustration]
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 765 - 766 (sequence 1)
- Language
- German
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765 „AN DER WESTMAUER." 766 Betende Juden an der Klagemauer. Bida. . . . Viele Völker sind in Jerusalems Mauern gewesen .... Jenes Volk aber, das diese Stadt zum Zentrum eines geistigen Gottesdienstes machte, jenes Muttervolk aller hohen Religion und reinen Gottesanschauung, es hat, da es wieder gekommen ist und gesucht hat nach den Stätten seiner Väter, nichts gefunden, das es sein eigen nennen dürfte von den geweihten Plätzen, nichts denn jenen engen Mauerwinkel von Tempel platz in der schmutzigsten und erbärmlichsten Gegend, in der Nähe von auf Schuttboden wildwucherndem Stachelfeigenkaktus und von dem Mistthor. Laut klagend stehen und knieen seine Gerechten hier voll aufrichtigen Schmerzes über die verflossene Grösse. Tief hat es mich ergriffen, als ich gestern abend diesen Platz betrat. Ja, ich möchte fragen: wer überhaupt kann, ohne von wehmütigem Mitgefühl ergriffen zu sein, die Kinder Israels des Freitags gegen Abend an dieser ihrer „Klagemauer ** sehen, wo selbst die halb oder ganz verschleierten Frauen ihrem Jammer Ausdruck verleihen, wo die Männer im plüschenen Kaftan und mit den langen, über die Schläfe herabfallenden Seitenlocken sich zu Gruppen um einen Vorbeter scharen, um den Beginn des Sabbats zu feiern? Der Vorbeter und wer sonst noch einen Platz an der Mauer sich gesichert hat, legt die flache Hand beim Gebete an die alten Steine der äusseren Wandung, im Gefühl des Nichtbesitzes und froh, wenigstens hierbei nicht gestört zu werden. Welch trauriger Ueberrest vom einstigen Besitze des Berges Morija! Einmal im Jahr findet noch heute eine grosse Klageliturgie statt über den Untergang des jüdischen Königreichs. Das ist im Monat Ab (August). Eine ausgearbeitete Klagelitanei wird abgebetet, in der man jammert über „den Tempel, der zerstört ist, die Mauern, die zerrissen sind, des Volkes Herrlichkeit, die entschwunden, die Priester, welche gestrauchelt haben, und die Könige, welche Jehova verachteten". Wie tief werden da einige das Leid empfinden, das über die Urväter kam! Das Land, das dies Volk sein eigen nannte, bewohnt es als ein Fremdling, kaum geduldet, vom Grandbesitz gesetzlich ausgeschlossen. Was ist es denn, das sie zurücktreibt ins alte Vaterland, diese vielen, denen man den weissen, zarten Teint des Nordeuropäers noch ansieht selbst in ihren Kindeskindern? Manche freilich werden keine gute Erinnerung an den Norden mitgenommen haben, diejenigen nämlich, welche auch dort nichts als Hass zu spüren bekamen. Da mag dann die Aussicht verlockend gewesen sein, hier ein einigermassen ruhiges Leben zu verbringen. Sehr viele erhalten von Europa eine Unterstützung, die sie nur zu einem Gebet für die Glaubensgenossen verpflichtet, das an dem Klageplatze gesprochen werden soll — denn ein Gebet an dieser Stelle halten die Israeliten vielfach für wirkungskräftiger. Aber sicherlich steht es nicht so, wie man vielfach hört, dass dies der Hauptgrund ihrer Rückkehr sei. Mir scheint, dass das kameradschaftliche Verhältnis zu den Türken sicher kein besseres ist, als dasjenige zu den Deutschen in Deutschland, sondern vielleicht ein schlechteres. Bedenkt man zudem, dass seit Jahren jene Unterstützung, die Chaluka, nicht sehr gestiegen, dagegen die Zahl der Reflektanten mehr denn ums Doppelte angewachsen ist, so verlieit auch dieser Grund seine Zugkraft. Vielmehr scheint mir ein innerlicher religiöser Zug nach dem Stammland ihrer Religion in diesen zurückgekehrten Israeliten überaus mächtig zu sein. Ideale sind es, denen sie folgen, wenn sie aus der Kultur der gemässigten Zone in die orientalische Einfachheit zurückkehren, um in den vor den Thoren der Stadt in langer Häuserflucht angelegten Judenkolonien zu wohnen. ... Carl Beth. (Voss. Ztg.)