Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1901)
- Article
- Ein letztes Wort zu Judenfrage?
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 731 - 732 (sequence 6)
- Language
- German
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731 Dr. Heinrich Meyer Cohn: Ein letztes Wort zur Judenfrage? 732 „wird von der öffentlichen Meinung keineswegs „dem Umstände zugeschrieben werden, dass hier „gestattet, was dort unthunlich, sondern es wird „auf Rechnung einer wesentlichen Unterordnung, „eines entschiedenen Zurückstehens des Judentums geschrieben werden, und auf solche Weise „wird die vornehme Geringschätzung gegen dasselbe neue Nahrung erhalten....." Von den Getauften sagt Riesser: „Von jeher „viel mit getauften Juden und oft mit den besten „von ihnen verkehrend, habe ich in dieser Hinsicht mannigfache Erfahrungen gemacht. Wie „bald habe ich diesen Vernunftstolz, so übermütig dem Judentum gegenüber, sich beugen „sehen vor der imponierenden Gewalt des „Christentums. Bei wie sehr, sehr wenigen hat „er Stich gehalten....." Es ist nicht nötig, an Stahl zu erinnern und an so viele Täuflinge, welche als Feinde sich soviel zuverlässiger gezeigt haben, wie als Freunde. Ganz abgesehen von dem Verlust auf unserer Seite und dem Gewinn auf der anderen, glaubt Lublinski wirklich, dass die Verfolgungssucht dadurch vermindert wird, dass aus den Reihen der Verfolgten Ueberläufer zu den Verfolgern übergehen, oder Schwachherzige ihnen nachgeben? Deshalb haben auch gerade weitsichtige Liberale (dies Wort als Weltanschauung im älteren Sinne gebraucht), wie Alexander von Humboldt, Geh.- Rat Berner und andere Taufen nicht gern gesehen, wie denn überhaupt die Forderung der Assimilation der magna Charta des Liberalismus widerspricht, dass jeder nach seiner Fagon selig werden soll. Was Lublinski unter „Zionismus im Namen der Assimilation" versteht, ist vielleicht sehr geistvoll, aber ich habe es nicht verstanden. Im Zionismus wie in den verwandten nationaljüdischen Bestrebungen ist, was man sonst daran aussetzen kann, die Grundanscbauung bedeutsam, dass wir eigene Gedanken und Ideale zu vertreten haben, gerade der Gegensatz zur Assimilation. Nachdem das naive religiöse Gefühl abgeschwächt war, hat gerade dieses Bewusstsein uns die geistige Freiheit gegeben. Als die judenfeindliche Bewegung begann, waren wir von der Vortrefflichkeit Europas überzeugt. Gleich unseren nicht judenfeindlichen christlichen Mitbürgern wunderten wir uns, dass die so vortrefflichen Europäer, die sonst von Liebe und Güte überfliessen, gerade von uns nichts wissen wollten. Diesem Gefühl gab das bekannte Wort von der „Schmach des Jahrhunderts" Ausdruck. Es ist kein glücklicher Ausdruck, es passiert doch schliesslich in einem Jahrhundert nichts, was dem Jahrhundert nicht mehr oder weniger kongenial ist. — Seither hat die politische Entwickelung uns genügend gezeigt, dass der Hass nicht etwa eine Ausnahme zu unseren Ungunsten ist, sondern eine recht verbreitete Eigenschaft, von welcher meist nur aus bestimmten Gründen, sei es eines rein materiellen Interesses, sei es mehr ideeller Ziele wegen, Ausnahmen stattfinden. Dies war für unseren Seelenfrieden sehr erfreulich. Denn liegt es in der Natur meines Nachbars, dass er nicht immer ein angenehmer Mitbürger ist, so darf ich mich nicht beklagen, dass er es nicht gegen mich ist, und seine Unfreundlichkeit gegen mich beweist nichts. Sahen wir, wie gelegentlich die Neger in Amerika behandelt werden, in manchen Ländern Europas die Sozialisten, in Frankreich gelegentlich Italiener, in Böhmen Deutsche etc. etc., so mussten wir gestehen, dass wir es auch meist nicht schlechter hatten. Und hierbei war deutlich zu beobachten, dass gerade unsere Hasser überhaupt Hasser waren. So die Nationalisten, von denen zum Beispiel ein Treitschke mit gleichen* Hass wie die Juden auch die Engländer bedachte, die Alldeutschen gegen Czechen und Römlinge beinahe ebenso wütig sind, wie gegen uns. So die „frommen" Katholiken Rohling und Deckert, die gegen den Protestantismus denselben Hass empfanden wie gegen die Juden. Schliesslich brachten uns die kolonialen Brutalitäten und Rechtswidrigkeiten von dem Götzendienst zurück, den wir mit Europa getrieben hatten. Und wenn wir auch die glänzenden Leistungen bewundern, deren sich Europa auf dem Gebiet der Kultur zu erfreuen hatte, Leistungen, an denen wir ja auch unseren Anteil hatten, so mussten wir gestehen, dass die Civilisation mit der Kultur nicht immer gleichen Schritt gehalten hat. Aber vorwärts gekommen ist sie trotzdem ein gutes Stück. Wir sind empfindlicher geworden, so manches Ereignis mag uns bitter kränken, das unsere Vorväter als natürlich hingenommen hätten. Gewiss mag das prekäre Recht gelegentlich peinlicher sein, als das ehrliche Unrecht, das darf uns nicht blind machen für die Fortschritte, die doch alles in allem der Gedanke der Humanität in Gesetzen und Sitten gemacht hat. Unsere Dankbarkeit aber für den Staat, unter dessen gerechteren Gesetzen wir leben, werden wir nicht dadurch zu erweisen suchen, dass wir den absterbenden schlechten Eigenschaften unserer Mitbürger schmeicheln oder Einflüssen nachgeben, die man im bürgerlichen Leben vielleicht als Erpressung bezeichnen würde, sondern dadurch, dass wir ußben den Pflichten gegenüber dem Staat und unseren Mitbürgern unsere Pflichten erfüllen gegenüber der eigenen Gemeinschaft, und dass wir der Civilisation den Dienst thun, zu welchem jeder Minorität vom Schicksal die Gelegenheit geboten wird, nämlich Widerstand zu leisten gegen Verfolgung und Unterdrückung. -ML-ÄfejA