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Ost und West · 1901-10-01 · Heft 10 (Oktober 1901) · p. Seite 727 - 728

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 10 (Oktober 1901)
Article
Ein letztes Wort zu Judenfrage?
Date
1901-10-01
Page
Seite 727 - 728 (sequence 4)
Language
German
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727. Dr. Heinrich Meyer Cohn: Ein letztes Wort zur Judenfrage? 728 Wie ersichtlich, haben Lublinski's Ausführungen mit dei Linderung der Judenfrage nichts zu thun, sondern nur mit der Linderung einer durch diese Frage bei einzelnen Juden erregten Seelenstimmung. Aber es ist klar, dass es ausser den angegebenen Mitteln: Taufe, Assimilation und Zionismus noch andere Wege giebt, ins seelische Gleichgewicht zu gelangen. Zum Beispiel etwas ruhig Blut und hausbackener Verstand. Ueberhaupt alles, was einem Freude macht, zum Beispiel das grosse Los, eine gute Flasche Wein, eine glückliche Ehe, ein paar sonnige Tage. Das alles kann den Judenschmerz lindern, den man, wie bemerkt, nicht allzu tragisch nehmen darf, aber nicht die Judenfrage. Aber wenigstens verschärfen diese erfreulichen Umstände auch die Judenfrage nicht, während von den durch Lublinski angepriesenen Linderungsmitteln: Taufe, Assimilation und Zionismus die beiden ersten unbedingt zur Verschärfung der Frage beitragen. Wie bemerkt, hat Lublinski die Wirkung seiner Linderungsmittel auf die Gesamtheit überhaupt nicht untersucht, gerade sie ist das.wesentliche! Ob eine Handlung als Akt einer Assimilation anzusehen ist. ergiebt sich aus den Beweggründen, die für die Handlung bestimmend gewesen sind. Wenn beispielsweise jemand zum Vergnügen trinkt, so ist das Vergnügen, wenn jemand aber säuft, um den Befähigungsnachweis als Germane zu erbringen, trotzdem ihm dabei spottübel wird, so ist das Assimilation. Stets kann man als Akt der Assimilation nur die Vornahme einer nicht kongenialen Handlung ansehen. Kommt man nach Prüfung dazu, eine Sitte der, Umgebung für besser zu halten und diese Sitte anzunehmen, so hat man sie eben angenommen, weil sie gut, und nicht weil sie deutsch ist. Und der Fehler der kritiklosen Assimilation besteht darin, von vornherein alles Fremde für besser zu halten und deshalb alles Eigne aufzugeben. Insofern ist die Assimilation ein unnatürlicher Akt, denn jedes Geschöpf hat den natürlichen Trieb, seine Eigenart zur Geltung zu bringen. Der Europäer behandelt denn auch die Assimilation nicht als eine Frage der Sittlichkeit, sondern als Machtfrage. Derselbe Mann, der in Deutschland an einem polnischen Juden Anstoss nimmt, wenn er einen Kaftan trägt, wird niemals auf den Gedanken kommen, in China chinesische Kleidung anzulegen, und derselbe Mann, der es empörend finden würde, wenn in Deutschland ein Jude nicht die Sonntagsruhe hält, wird sich niemals gefallen lassen, dass man ihm in türkischen Ländern die Arbeit am Freitag verbietet. Soweit es sich um Aeusserlichkeiten handelt, hat sich die Assimilation der deutschen Juden im wesentlichen vollzogen. Für eine geistige Hingabe liegen die Verhältnisse jetzt ungünstig. Unsere Väter hatten es darin weit besser, da sie mit allen gebildeten Kreisen des Vaterlands die, Ideale der Freiheit und Einheit Deutschlands teilten. Sie hatten eben das Glück, schöne fertige Ideale vorzufinden. Wo sind aber jetzt solche Ideale? Die deutsche Einheit kann kein Ideal sein, da sie eine Thatsache geworden ist. Ueber die Freiheit aber und andere innerpolitische Aufgaben wie auch über die verschiedenen Kulturideale gehen auch die Meinungen der gebildeten Kreise jetzt ausserordentlich weit auseinander. Wo ist eine Assimilation möglich, wenn jede Stellungnahme uns in Gegensatz zu einer Hälfte der Bevölkerung bringen muss? Es heisst die Frage doch zu eng und klein fassen, wenn man den Widerwillen gegen das so oft ausgesprochene Schlagwort von der „Assimilation" lediglich auf die Verärgerung durch die Judenirage zurückführt. Weitaus abträglicher ist dieser Bestrebung, dass es an einem gemeinsamen Ideal der gebildeten Kreise in Europa fehlt, wie solches früher in dem altliberalen Gedanken bestanden hat. Man kann doch schliesslich niemand folgen, der nicht führen will und der sich selbst noch nicht klar geworden ist, wohin er geht. Und sicherlich ist die Aera moralischen Katers, in der sich Europa zur Zeit befindet, nicht der geeignete Zeitpunkt, moralische Eroberungen zu machen. Somit bleibt als das Gebiet, auf welchem sich eine Assimilation vollziehen kann, im wesentlichen nur das konfessionelle (kirchliche) Gebiet übrig. Die Taute ist ein besonderer Fall von Assimilation, ihr stärkster Ausdruck. Es handelt sich natürlich nicht um Leute, die sich aus christlicher Frömmigkeit taufen lassen, sondern um solche, welche die Taufe nehmen, weil sie nun einmal in einem christlichen Lande leben. Auf religiösem Gebiet ist aber schon der erste Schritt der Assimilation zu verdammen. Man hat oft von den Juden verlangt, sie sollten das Schächten aufgeben, es komme dabei gar nicht darauf an, ob diese Art der Tötung human sei, sie sei orientalisch und deshalb abzuschaffen. Ebenso hat man als einen Akt der Assimilation verlangt, dass die Juden den Sonntag anstatt des Sabbaths feiern sollen*). Ganz logischerweise fordern dann die konsequenten Befürworter der Assimilation, dass die Juden sich taufen lassen. Daher war Gabriel Riesser, gewiss* ein guter Deutscher, leidenschaftlicher Gegner jeder Assimilation auf religiösem Gebiet. „Jede religiöse Reform muss," , wie er trefflich ausführt (Ges. Schriften II :S. 539), „von innen herauskommen, sie muss einzig „und allein aus der Ueberzeugung der „Bekenner der Religion hervorgehen, und es „darf keinerlei Nebenrücksicht dabei stattfänden ....." „Dass mit dem Judentum Radikal reformen „vorgenommen werden, von denen auf dem Ge- „biet des herrschenden Glaubens keine Rede ist, *) Es soll hier nicht von den Bestrebungen gesprochen .werden, am Sonntag einen Gottesdienst abzuhalten, sondern der Verlegung, d. h. der Abschaffung des Sabbaths.

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