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Ost und West · 1901-10-01 · Heft 10 (Oktober 1901) · p. Seite 723 - 724

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 10 (Oktober 1901)
Article
Ein letztes Wort zu Judenfrage?
Date
1901-10-01
Page
Seite 723 - 724 (sequence 2)
Language
German
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723 Dr. Heinrich Meyer Cohn: Ein letztes "Wort zur Judenfrage? 724 „nicht. Aber es giebt noch etwas Höheres als „Kampf: positives Ausleben der Persönlichkeit „und dadurch die Schöpfung von seelischen und „kulturellen Werten in einem kleinen oder grossen „Umkreis. Eine edle, aber sensible Natur nutzt „mehr, wenn sie sich seelisch entfaltet, als wenn „sie im Kampfe zerbrochen wird. Und sie kann „reiner und vornehmer sein, als mancher wütige „und-unbeugsame Fanatiker." In Dingsda herrscht die Cholera. Herr X lässt nahe Angehörige dort zurück und begiebt sich auf die Reise. Die Handlung des Herrn X lässt sich mit denselben Worten rechtfertigen, mit denen Herr Lublinski die Täufünge in Schutz nimmt. Die Cholera ist für die Beti offenen viel gefährlicher als der Antisemitismus, und der Mann, der in seiner Umgebung seelische und kulturelle Werte schaffen will, handelt daher gewiss richtig, wenn er, um dieses „Ausleben der Persönlichkeit" zu ermöglichen, das Ausleben durch die Cholera möglichst zu verhindern sucht. Der Flüchtling handelt also subjektiv ebenso recht, wie der Täufling. Subjektiv ist überhaupt jede menschliche Handlung berechtigt, denn sie ist jedesmal das Ergebnis des durch Anlage und Milieu bedingten Empfindens und Wollens des Handelnden. Deshalb ist auch nicht der einzelne Täufling zu richten; dass der Neurastheniker, um Angriffen zu entgehen, sich taufen lässt, ist ebenso natürlich, wie dass er aus Orten entflieht, an denen die Cholera herrscht. „Neurasthenie" ist eventuell nur der physiologische Aspekt der litterarisch als edel aber sensibel erscheinenden Natur. Wenn der Neurastheniker aber zur Feder greift, so ruft er selbst das öffentliche Urteil an. Hier gilt das Wort: Qui s'excuse s'accuse. Wer die Notwendigkeit fühlt, seine Taufe in einer Broschüre zu rechtfertigen, der hat, wenn auch vielleicht nicht das Bewusstsein, so doch den Instinkt gehabt, etwas gethan zu haben, was er nicht hätte thun sollen. In derbekannten Schrift von Benedictus Levita war® diese Schwäche deutlich ersichtlich, . schon das Ergebnis, zu dem er gelangte, zeigte, dass ihm bei der Sache nicht wohl war. Denn er kam zu dem Ergebnis, die Juden sollten ihre Kinder taufen lassen, nicht aber, dass sie selbst übertreten sollten. Unzweifelhaft eine Halbheit. Dabei fanden sich darin einige für die Hauptgrundsätze der jüdischen Religion so anerkennende und warme Worte, dass sehr gescheite Leser darin eine versteckte Rechtfertigung der jüdischen Religion sehen wollten. Und trotz dieser Zwiespältigkeit höhnt Herr Lublinski die Leute, die sich einbilden, „die wuchtigen Argumentationen eines Benedictus Levita durch das Gewäsche eines Rabbiners Vogelstein widerlegt „zu haben. Solche Seichtlinge, meint er, haben „über die Judenfrage gar nicht mitzureden." Levita, der Lublinski sympathisch ist, wird als wuchtig bezeichnet. Vogelstein's Ausführungen sind Gewäsche, , weil sie ihm nicht gefallen. Levita kann ja nun ein ganz sympathischer Mann sein, ein zärtlicher Papa, der seinen Kindern, wenn auch wohl vergeblich und unklugerweise, Kampf zu ersparen sucht und sie deshalb taufen lässt, während er selbst Jude bleibt. Aber wuchtig kann der Mann nicht sein, und es ist nicht einzusehen, wie weit dieser zärtliche Vater zum Ausleben seiner Persönlichkeit und zum Schaffen neuer Kulturwerte dadurch beiträgt, däss er seine Kinder taufen lässt, während er selbst Jude bleibt. Jedenfalls hat Levita mit dem, was Lublinski zu Gunsten der Taufe anführt, nichts zu thun. Was Lublinski über „Assimilation" sagt, zeigt deutlich den Aerger, den er empfunden hat, weil Bartels und andere kleine Litteraturgrössen den deutschen Juden ihr Deutschtum absprechen. Diese seelischen Leibschmerzen darf man nicht allzu tragisch nehmen. Die Judenfrage besteht in den zu Tausenden vernichteten wirtschaftlichen Existenzen, in Mord und Rechtsbruch, aber ,,die Tragik", die darin liegen soll, „dass wir, um unsere Bürgerrechte zu behaupten, mit Menschen jenseits der Grenzen „uns solidarisch fühlen müssen", — ist doch einigermassen erträglich. Dieser innere Konflikt trifft nicht einmal besonders jüdische Kreise, jeder Bürger darf ihn empfinden, sobald sein Land Unrecht thut, beziehentlich eine Handlung vornimmt, die seinen Idealen widerspricht. Unsere Solidarität mit Menschen jenseits der Grenze ist, wegen unserer Stellung als eine kleine Minorität, schwächer als zum Beispiel die Solidarität alldeutscher oder kirchlicher Kreise mit Menschen jenseits der Grenze. Kirchliche Kreise gelangen in Bezug auf das Missionswesen in China häufig zu wesentlich anderer Stellung als andere . deutsche Patrioten. Die Alldeutschen sind für ihre Konnationalen jenseits der Grenze häufig auch da eingetreten, wo diese sich im Unrecht befanden, oder wo unsere Regierung im Interesse des Deutschen Reiches die Thätigkeit der österreichischen Alldeutschen nicht gern sah. Also ob da ein Thatbestand gegeben ist, besonders geeignet, tragisches Empfinden zu wecken, dürfte sehr' zweifelhaft sein. Das hindert allerdings niemand, die Sache tragisch zu nehmen, und es scheint .allerdings,, dass dies häufiger bei Personen geschieht, die sich als Autodidakten oder Ausländer zur deutschen Kultur hindurchgearbeitet haben. Diese Parvenüs der Kultur, diese, seif' made men des Deutschtums. fühlen sich in ihrem Herzen getroffen, wenn man ihr Deutschtum anzweifelt; wer in deutscher Kultur aufgewachsen ist, den lässt dies viel kälter: Ganz naturgemäss — wie überhaupt der Parvenü nervös wird, wenn man seinen neuerrungenen Besitz anzweifelt, während dem Erben alten Besitzes der gleiche Zweifel völlig gleichgültig ist.

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